Nach Mord in Kirchheim: So lebt Horst B. in dem Wohnhaus

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Hofft auf Hilfe: Horst B..

Wohnungsmieter Horst B. nach der Bluttat: Nicht nur die aktuelle Wohnsituation, auch die Gerüchte setzen ihm zu – jetzt will er die Wahrheit erzählen.

Kirchheim. Horst B. wirkt auf den ersten Blick gefasst. Doch tief im Inneren, so sagt er, befinde er sich in einer Schieflage, aus der er allein nicht herauskommt. Der 53-Jährige wohnt in der Wohnung in Kirchheim, in der am vorletzten Dienstag ein Mord begangen wurde (lokalo24.de berichtete hier über den Mord in Kirchheim). Einem langjährigen Freund von ihm, Andreas W., wurde die Kehle durchtrennt.

Der mutmaßliche Täter: Benjamin M., der Schwager des Getöteten. „Die Tat hat für Verwirrung gesorgt, hier und da sind Gerüchte im Umlauf. Ich möchte der Öffentlichkeit endlich die Wahrheit erzählen“, sagt Horst B. Darum traf er sich zu einem Gespräch mit lokalo24.de.

Die Wohnung in der Hauptstraße ähnelt auch eine Woche nach der Tat einem Schlachtfeld. Zertrümmerte Möbelstücke, Hunderte Papierschnipsel, Verpackungsmüll und Dreck zieren den Boden in der Dachgeschosswohnung. Von den Haushaltsgegenständen ist nur wenig Brauchbares übrig geblieben, fast alle Gerätschaften wurden von dem mutmaßlichen Täter zunichte gemacht oder aus dem Fenster geschmissen.

Auch der Eingangsbereich im Untergeschoss erinnert bei jedem Betreten an die Tat – eine getrocknete Blutlache hat sich in der Diele wie Klebstoff auf den beigen Fliesen verfestigt. Das weiß gestrichene Treppenhaus ist mit unzähligen Blutspritzern versehrt, in der Luft liegt ein strenger, metallischer Geruch. Ein Zustand, der für Horst B. kaum auszuhalten ist. „Ich kann so nicht wohnen, ich brauche Hilfe. Nicht nur das Treppenhaus, auch meine Einrichtung wurde zerstört. Ich benötige dringend Unterstützung, um mich wieder einrichten zu können“, so der fünffache Familienvater Horst B.

Am Tattag soll der mutmaßliche Täter gegenüber seiner Ehefrau Olga M. gewalttätig geworden sein. Die Frau ließ sich nach dem Konflikt von ihrem Bruder Andreas W. und dem gemeinsamen Freund Horst B. in Rommershausen-Schwalmstadt abholen – um 17 Uhr erreichten die drei schließlich die Wohnung von Horst B. in Kirchheim. Gegen 20.30 Uhr verschaffte sich Benjamin M. Zutritt zu dem Wohnhaus.

„Wir haben seltsame Geräusche gehört. Benjamin ratschte mit einem Messer an meiner Wohnungstür. Ich habe den Notruf getätigt und Andreas ist kurz darauf zur Tür gegangen. Plötzlich ging alles so schnell“, erinnert sich der 53-Jährige zurück und weiter: „Ich habe noch drei Laute von Andreas gehört, das war es. In diesem Moment muss ihm wohl die Kehle durchtrennt worden sein. Das wussten Olga und ich zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht, aber ich habe geahnt, dass etwas Schreckliches passiert ist“. So suchte er Schutz in seinem Schlafzimmer und schob erst seinen Nachttisch, dann seine Matratze vor die Tür.

Die Wohnung gleicht auch Tage nach der Tat noch einem Schlachtfeld.

„Zum Glück war die Polizei zu dem Zeitpunkt schon eingetroffen. Eine Polizistin hat mir befohlen, auf das Dach zu klettern. Immerhin stand Benjamin schon fast im Raum, ich hatte quasi keine andere Wahl“, sagt Horst B. Benjamin M. habe nach dem Mord an Andreas W. auch den fünffachen Familienvater mit einem Messer und den Worten „Den Andreas habe ich umgebracht, jetzt bist du dran!“ bedroht. Die Ehefrau versteckte sich im Wohnzimmer und konnte unverletzt aus dem Wohnhaus flüchten.

Hätte Horst B. etwas tun oder vermeiden können? Diese Frage stellt sich der Mann jeden Tag. „In diesem Moment denkt man nicht nach, man funktioniert nur“, beschreibt er den Abend. „Was mich natürlich zusätzlich belastet, sind die Gerüchte. Ich möchte klarstellen, dass ich keinen sexuellen Kontakt zu Olga habe“. Horst B. erinnert sich, dieser Behauptung im Eifer des Gefechts zugestimmt zu haben. „Ich stand unter Schock“, begründet er sein Handeln.

B. sei lediglich mit Olga M. befreundet, seit Jahren pflege er zu den Geschwistern einen guten Kontakt. Dass er aber der Geliebte der Ehefrau gewesen sein soll, streitet er ab: „Wir führen keine Liebesbeziehung, wir sind Freunde und ich habe ihr in der Vergangenheit immer geholfen, wenn Benjamin gewalttätig geworden ist“. Das habe er nun auch gegenüber der Polizei richtig gestellt.

Laut Horst B. sei Benjamin M. kein unbeschriebenes Blatt. Im vergangenen Jahr soll es mindestens zehn Polizeieinsätze bei den Eheleuten M. gegeben haben. Der Grund: Häusliche Gewalt. Im November letzten Jahres habe Benjamin M. seinen Schwager schon einmal schwer verletzt, so die Aussage von Horst B.: „Mit einer Cuttermesser hat er Andreas bedroht“. Der Schwager habe eine tiefe Schnittverletzung horizontal im Bereich des Rückens davongetragen.

Für Horst B. hat sich seit dem Mord an seinem Freund viel verändert. Nicht nur, dass er einen geliebten Menschen verloren hat – der Mord ist darüber hinaus in seinem Wohnhaus, in seinem trauten Heim, passiert. „Ich fühle mich furchtbar“, so der 53-Jährige. Auch Gerüchte, dass er ein Alkoholiker sei, machen die Runde. „Das schlechte Image des Hauses färbt jetzt auch auf mich ab. Ich bin Antialkoholiker, ich leide an einer Autoimmunerkrankung “, betont er.

Der Kirchheimer habe bis heute keine Zeit finden können, um zu trauern. Ständig müsse er von Behörde zu Behörde laufen. Der Geschädigte soll nun aber Unterstützung von der Fuldaer Opferhilfe, dem Weißen Ring und dem Trauma-Netzwerk erhalten. „Psychisch muss man das ja erst einmal verkraften“.

Doch auf den Unkosten der Verwüstung bleibt er vorerst sitzen. Nun sucht der Kirchheimer Unterstützung bei den Waldhessen: „Ich bin für Sachspenden jeglicher Art dankbar. Möbelstücke und Haushalsgegenstände kann ich gebrauchen. Ich wohne unter unzumutbaren Bedingungen, es ist fürchterlich“. Aktuell wohnt B. in einem leerstehenden Apartment im gleichen Haus. Dort möchte der Mann aber nicht lange bleiben – er möchte zurück in seine Dachgeschosswohnung und „alles auf null setzen“, wie er sagt. Da sein Handy in der Tatnacht beschädigt wurde, bittet er Helfer und Unterstützer, sich persönlich oder postalisch bei ihm zu melden. Seine Adresse: Hauptstraße 47 in Kirchheim.

Das Mordhaus in Kirchheim.

Doch auch wenn Horst B. bald Hilfe bekommt, wird er mit dem verunreinigten Tatort allein zurechtkommen müssen. Ein blutüberströmtes Treppenhaus ist es, was er beseitigen muss, bevor er sich seiner Trauerphase und der Aufarbeitung seiner traumatischen Ereignisse widmen kann. Den 7. Januar 2020 wird er jedoch niemals mehr vergessen.

Kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass der mutmaßliche Mörder nach einem Suizidversuch im Krankenhaus gestorben ist. Das bestätigte Pressesprecher Harry Wilke von der Staatsanwaltschaft Fulda auf Nachfrage. Weitere Einzelheiten konnten noch nicht bekannt gegeben werden.

+++ Hinweis der Redaktion +++

Die Fotos zeigen, in welchem Zustand sich die Wohnung von Horst B. aktuell befindet, nachdem Benjamin M. in der Wohnung randaliert hat. Der Mord wurde nicht in den abgebildeten Räumlichkeiten begangen. Die Tat wurde im Treppenhaus verübt.

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