Rainer Hahne: „Herr Groß, Pressefreiheit ist nicht bequem“

Chefredakteur Rainer Hahne schreibt in seinem neuesten Briefwechsel an Bebras Bürgermeister Horst Groß. Es geht um das Thema Tannenbaumdiebstahl:Se

Chefredakteur Rainer Hahne schreibt in seinem neuesten Briefwechsel an Bebras Bürgermeister Horst Groß. Es geht um das Thema Tannenbaumdiebstahl:

Sehr geehrter Herr Horst Groß,

Sie sind der Bürgermeister von Bebra – seit unendlich langer Zeit. Sie haben sich um die Stadt verdient gemacht, haben mit Ihrem unverwüst-lichen Optimismus Ihre Mitbürger auch aus den tiefsten Löchern herausgeholt.

Doch mit diesem väterlichen Schutzbedürfnis kann man es auch übertreiben. Á la Gottlieb Wendehals ("Der Wirt, der wirft sich schützend übern Aufschnitt") haben Sie sich in der sogenannten "Weihnachtsbaum-Affaire" vor Mitarbeiter Ihres Bauhofes geworfen.

Was war passiert: Diese ­Herren hatten ohne einen städtischen Auftrag auf einem Privatgrundstück Tannenbäume geschlagen und ­wollten die gerade abtransportieren, als der neue Be-­sitzer wutentbrannt um die Ecke kam. Auf den Diebstahl angesprochen, reagierten die Herren auch noch höchst unwirsch. Das sei schon immer so gewesen.

Der Besitzer dieser Tannenbäume und Pächter der Fläche ist mit seinem Problem zu uns gekommen, da er das Gefühl bekommen hatte, dass mit allen Mitteln versucht wurde, seine Anzeige zu verhindern. Ihre Stadt Bebra, die den Auftrag nicht erteilt hat, diese Bäume zu schlagen, hat dem Tannenbaumbesitzer großzügig Entschädigung angeboten.  Doch damit wollte der sich nicht zufrieden geben. Und womit? Mit Recht. Schon in den letzten Jahren hatte er sich maßlos geärgert, dass Bäume geklaut worden waren. Und jetzt wollte er ­diesen Fall gründlich aufgeklärt sehen.

Doch daran hatten Sie, Herr Groß, offensichtlich überhaupt kein Interesse. Anstatt diesen Vorfall zu nutzen und erst einmal genau hinzuschauen, was denn eigentlich in Ihrer Stadtverwaltung so los ist, haben Sie sofort alles getan, um Ihre Mitarbeiter zu schützen.

Das sind erwachsene Menschen. Und wenn sie einen Fehler machen, müssen sie eben dafür gerade stehen. Das geht uns allen so. Da gelten auch keine Ausreden. Schon oft habe ich vor Gericht gehört, dass der Beklagte versucht hat, sich herauszureden: "Das habe ich nicht gewusst." Die Antwort der Richter kenne ich schon auswendig: "Unwissenheit schützt vor Strafe nicht."

Wir leben in einer Zeit, in der die Bürger abgezockt werden, wie noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Und gerade die öffentlichen Einrichtungen lassen sich ständig etwas Neues einfallen.

Wenn in so einer Situation ein Bürger auch noch von seiner Verwaltung bestohlen wird, sollten Sie als bürger-­naher Bürgermeister verstehen müssen, dass die Reaktion keine pure Freude und erst recht nicht die Zurücknahme einer Anzeige ist. Doch was machen Sie? Sie diffamieren zu allem Überfluß auch noch den Kreisanzeiger, der inhaltlich einwandfrei über den Vorfall berichtet hatte und sprechen von unseriösem Journalismus. Verlassen Sie sich auf eins, Herr Bürgermeister. Wir werden auch weiterhin über solche Vorgänge berichten. Auf Ihre Befindlichkeiten können wir da keine Rücksicht nehmen.

Mit seriösen Grüßen,Rainer Hahne,Chefredakteur,

P.s. Haben Sie eigentlich mittlerweile herausgefunden, was in Ihrer Verwaltung wirklich los ist?P.P.s. Das musste einfach mal geschrieben werden.

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