Rainer Hahne kommentiert die Focus-Kritk an der dOCUMENTA 13: „Viel Feind, viel Ehr“

Rainer Hahne, Chefredakteur der ET-Mediengruppe.
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Rainer Hahne, Chefredakteur der ET-Mediengruppe.

Sehr geehrte Frau Christov-Bakargiev,Sie sind die künstlerische Leiterin  der documenta und können in diesen Tagen eigentlich rundum zufrieden sein

Sehr geehrte Frau Christov-Bakargiev,

Sie sind die künstlerische Leiterin  der documenta und können in diesen Tagen eigentlich rundum zufrieden sein. Die Hälfte der Ausstellungszeit ist vorbei. Und nach 50 Tagen konnte ein mehr als zufriedenstellendes Fazit gezogen werden. 378.000 Zuschauer haben bisher den Weg in die zahlreichen Ausstellungsräume gefunden. Besonders wichtig: Über 10.000 Dauerkarten wurden bisher verkauft. Vor fünf Jahren waren es gerade mal 4.700. Es ist davon auszugehen, dass die Mehrzahl dieser Dauerkarten an Nordhessen verkauft wurden. Die Akzeptanz der größten Ausstellung der Gegenwartskunst ist also in der Region deutlich gestiegen.

Sie können also nach 50 Tagen mit Fug und Recht sagen, dass die Abstimmung mit den Füßen Ihrem Ausstellungskonzept Recht gegeben hat. Allen Unkenrufen zum Trotz haben sich Ihre Ideen bewährt. Mir persönlich gefällt besonders gut, dass Sie die Karlsaue in so großem Ausmaß in Ihre Planungen eingebunden haben. Hundertausende werden zu Fuß oder auf dem Fahrrad bzw. Konrad Kassel von seiner schönsten Seite kennenlernen.

Zur Qualität der Kunst kann und will ich mich nicht äußern. Das haben bisher zahlreiche Fachleute getan. Irritiert hat mich eigentlich nur, dass es nur begeisterte Kommentare gegeben hat. Ihr Konzept fand überall ungeteilte Begeisterung.

Überall? Nein. Da ist doch eine kleine, bislang unbekannte Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe mit zumindest einem Professor. Wolfgang Ullrich lehrt Kunstwissenschaft und Medientheorie. Eigentlich kein Wunder also, dass besagter Wolfgang Ullrich jetzt mal so richtig auf die documenta draufhaut, der Medientheorie folgend, dass man nur so Aufmerksamkeit bekommt.

Und natürlich weiß er auch, dass eine maßvolle Kritik niemand vom Stuhl reißt. Folglich formuliert er im Focus: "Es ist keine skeptische, sondern eine zynische documenta. Die dümmste, die es je gegeben hat."

Brav und artig haben die Künstler für die documenta Auftragskunst erstellt – wie zu Zeiten des Absolutismus oder in Diktaturen eben. Ein Zustandsbild der zeitgenössischen Kunst könne es so nicht geben.

Liebe Frau Christov-Bakargiev, ich hoffe, Sie haben sich bei dem lieben Professor schon bedankt. Ich hatte mir nämlich allmählich schon Sorgen gemacht. Eine documenta ohne massive Kritik ist eigentlich keine documenta. Oder wie hieß es doch so schön in dem Buch "Power – die 48 Gesetze der Macht": "Wer wichtig ist, hat Feinde. Wer keine Feinde hat, muss sich welche beschaffen."

Sie sind jetzt wichtig, Frau Christov-Bakargiev.

Mit machtvollen Grüßen

Rainer HahneChefredakteur.

PS. Hoffentlich war die Kritik im Focus keine Auftragsarbeit der Zeitschrift gemäß der Medientheorie "nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten". Herr Professor, wir werden es nie erfahren. Oder?

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Hier der Artikel, auf den sich Rainer Hahne mit seinem Briefwechsel bezieht:

Focus-Journalist watscht Kasseler Kunstschau ab: "Dümmste documenta aller Zeiten" (vom 2. August 2012)

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Und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich hat auf Rainer Hahnes Briefwechsel auch schon geantwortet:

Zu "Dämlicher dOCUMENTA 13": Kunsthistoriker Ullrich antwortet auf Hahne-Briefwechsel (vom 3. August 2012)

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