Verzweifungstat in auswegloser Situation

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So begründete das Landgericht Fulda das Urteil gegen Mörder Heinz F.

Fulda/Bebra. Es war kein leichtes Urteil, das der Vorsitzende Josef Richter heute am Landgericht Fulda zu fällen hatte. Im Februar hatte der 69-jährige Steuerberater Heinz F.* aus Bebra seine Frau erschossen, die Beweislage deutete darauf hin, dass es kein Unfall gewesen war.Am Ende folgte Richter mit sieben Jahren Haft weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Das Urteil lautet auf Mord bei verminderter Schuldfähigkeit.

Die anschließende ausführliche Urteilsbegründung zeugte davon, dass das Gericht viele Faktoren abzuwägen hatte.Da ging es zunächst einmal um die Belastungen, denen F.  durch die psychische Erkrankung seiner Frau ausgesetzt gewesen war. Richter berichete, wie F. sich in den Alkohol flüchtete und auch seine Jagdleidenschaft dazu nutzte  um von zu Hause wegzukommen und eine Weile seine Ruhe zu haben. Die Belastungen und der Alkoholkonsum führten schließlich auch zu Problemen im Job und finanziellen Schwierigkeiten. Der Angeklagte sei schließlich körperlich und psychisch völlig entkräftet gewesen. Als sich die Ereignisse in der Tatnacht schließlich zuspitzten, sei dies wohl der berühmte Tropfen gewesen, der das Faß zum überlaufen brachte. Es sei, so das Fazit "eine Verzweiflungstat in einer für ihn ausweglos scheinenden Situation gewesen", so Richter.

Das Gericht folgte dabei bei der Rekonstruktion der Ereignisse der Tatnacht im Wesentlichen den Angaben des Angeklagten bis zu der Tötung. Dass seine Frau ihn mehrfach mit einem Messer bedroht habe, sei durch Zeugenaussagen hinreichend belegt, so dass man einen ähnlichen Hergang, wie der Angeklagte ihn schilderte, für die Tatnacht als plausibel annehmen könne. Dass es sich bei dem tödlichen Schuß um einen Unfall gehandelt habe, wertete das Gericht hingegen als Schutzbehauptung, der vom Angeklagten geschilderte Handlungsablauf sei nicht plausibel.So werteten die Richter es als unglaubwürdig, dass der Angeklagte behauptete, er habe das Gewehr in der Tatnacht nach seiner Kenntnis ungeladen in seinem Schlafzimmer bereitgestellt. Die Kugeln müssten sich dann von dem letzten Jagdausflug im Gewehr befunden haben, eine davon bereits im Lauf. Eine  schussbereite Waffe zu transportieren, wäre aber "die schlimmste Todsünde, die ein Jäger begehen kann" – eine derartige Nachlässigkeit passe nicht zu dem Angeklagten. Auch sei die Behauptung, er habe sich wegen der fortgesetzten Angriffe seiner Frau bedroht gefühlt und deshalb das Gewehr in seiner Nähe platziert, nicht nachvollziehbar, denn um sich vor seiner Frau zu schützen, hätten ihm andere Mittel zu Gebote gestanden, beispielsweise seine Zimmertüre zu verschließen oder sie zu entwaffnen. Weiterhin habe der Angeklagte angegeben, dass sie wie üblich nachdem er sie zurechtgewiesen hatte, von ihrem Angriff abgelassen habe und wieder ins Bett zurückgekehrt sei. Somit sei auch nicht nachvollziehbar, wieso der Angeklagte ihr mit dem Gewehr in der Hand gefolgt sein will.

Neben diesen Zweifeln sprächen aber auch die Beweise gegen die Version des Angeklagten: So sei nach dem Waffengutachten die versehentliche Schussabgabe zwar nicht völlig auszuschließen, jedoch hätte der Schuss in der vom Angeklagten beschriebenen Situation die Frau gar nicht treffen können. Das rechtmedizinische Gutachten stellte zweifelsfrei fest, dass die Frau in der Position, in der die Polizei sie im Bett liegend aufgefunden hatte, erschossen worden war, was der Aussage des Angeklagten widerspricht, er habe seine Frau an der Türe des Schlafzimmers getötet und die Leiche danach aufs Bett gelegt.

Das Gericht ging deshalb davon aus, dass F. die Tötung seiner Frau in dieser Nacht vorsätzlich plante und sie gezielt mit seinem Jagdgewehr erschoß. Da seine Frau zu diesem Zeitpunkt entweder schlief oder zumindest in Schlafposition mit dem Rücken zur Türe lag, nutze er dabei bewusst ihre Arg- und Wehrlosigkeit aus – damit, so Richter, sei rechtlich ein Mord in heimtückischer Begehungsweise gegeben.Bei der Strafzumessung zog das Gericht aber eine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten zum Tatzeitpunkt in Betracht – ansonsten wäre nur eine lebenslange Haftstrafe in Betracht gekommen. Wie Richter ausführte, sei der Angeklagte aber durch seinen Alkoholkonsum enthemmt und durch die jahrelange Belastung emotional völlig überfordert gewesen. Die Tat sei für den Angeklagten,  der einhellig als gutmütiger und harmoniebedürftiger Mensch beschrieben wurde, völlig atypisch gewesen. Auch wurde ihm zugute gehalten, dass er während des Prozesses Scham und Reue über seine Tat gezeigt hatte und nicht vorbestraft sei.

Nach der Urteilsverkündung wandte Richter sich noch einmal ganz persönlich an den Angeklagten, der die Urteilsbegründung die ganze Zeit über mit gesenktem Kopf verfolgt hatte, und teilweise mit den Tränen rang: "Herr F., die Unfallversion glauben wir Ihnen nicht – aber wir glauben, dass Sie trotz dieser Tat kein schlechter Mensch sind. Wir glauben, dass es Ihnen leid tut und dass Sie schwer daran zu tragen haben." Er brachte überdies seine Hoffnung zum Ausdruck, dass der Angeklagte nun zur Ruhe finde und mit sich selbst und seiner Tat ins Reine komme.Bei guter Führung stehe außerdem eine vorzeitige Entlassung in Aussicht, so dass dann hoffentlich nach Verbüßung seiner Schuld seinen Lebensabend mit seiner Familie verbringen könne.

Hintergründe zur Tat: HIER

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