Zerrende Test-Odyssee: Corona-Erfahrungsbericht eines Waldhessen

Nicht alle Waldhessen hatten die Möglichkeit, einen PCR-Test im Landkreis Hersfeld-Rotenburg durchführen zu lassen:
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Nicht alle Waldhessen hatten die Möglichkeit, einen PCR-Test im Landkreis Hersfeld-Rotenburg durchführen zu lassen:

Ist das Gesundheitsamt überfordert? Der KA sprach mit einem Corona-Infizierten

Waldhessen. Die Corona-Pandemie hat den Landkreis Hersfeld-Rotenburg fest im Griff. Zwar zählt der Landkreis aktuell nicht zum sogenannten Hotspot, jedoch wurde auch hier bereits die 7-Tage-Inzidenz mit über 200 Corona-Fällen pro 100.000 Einwohnern überschritten. Welche entscheidende Rolle spielt die Unterstützung durch die örtlichen Behörden, wenn man sich mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert?

Der KA hat einen ersten Erfahrungsbericht gesammelt und sprach mit Martin Müller*, der sich kürzlich mit dem Coronavirus infizierte. Sein Corona-Erlebnis begann mit einem Schnelltest kurz vor Heiligabend. Als dieser positiv ausfällt, begaben er und seine Familienangehörigen sich umgehend in häusliche Quarantäne. Weitere Anweisungen und Unterstützung, so war der Bebraner der Annahme, würden in den folgenden Tagen durch das Gesundheitsamt Bad Hersfeld folgen. „Am 26. Dezember bekam ich den Anruf, dass das Ergebnis des Schnelltests eingetroffen ist. Meine Frau und ich sollten außerdem direkt nach den Feiertagen, also am 28. Dezember, einen PCR-Test machen“, so Müller.

Doch die Möglichkeit, einen PCR-Test durchführen zu lassen, blieb ihm vorerst verwehrt. Der Grund: Die Praxen der Allgemeinmediziner in unmittelbarer Nähe seien entweder nicht erreichbar oder gar geschlossen gewesen. „Die Leitung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes war ebenfalls von morgens bis zum Nachmittag dauerhaft belegt. Und die Corona-Hotline war anscheinend überhaupt nicht besetzt. Daraufhin habe ich mich an das Bürgertelefon gewendet“, so Martin Müller. Dort händigte ihm ein Mitarbeiter die Kontaktdaten eines Allgemeinmediziners in Heringen aus. Die Suche nach einem Arzt sollte nach zahlreichen Telefonaten also endlich ein Ende haben. Doch Müller wurde eines Besseren belehrt: Die Heringer Praxis nehme nur PCR-Tests bei den eigenen Patienten vor.

Die Suche nach einem Arzt, der einen PCR-Test nach den Weihnachtsfeiertagen durchführt, lief im Landkreis Hersfeld-Rotenburg also ins Leere. Erst über die Grenze des eigenen Landkreises hinaus wurde der Bebraner fündig: „Ich habe mich schließlich an das Gesundheitsamt Fulda gewendet. Ein Mitarbeiter war so freundlich, Kontakt zu einem medizinischen Versorgungszentrum in Fulda herzustellen. Dort wurde ich, gemeinsam mit meiner Frau, einen Tag später endlich getestet“. Müller bemängelt den Missstand, dass der PCR-Test angeordnet, das Gesundheitsamt selbst aber keine helfende Hand gewesen sei, als es später um die Suche nach einer Anlaufstelle für PCR-Tests ging. „Es ist klar, dass ein PCR-Test durchgeführt werden muss, das steht außer Frage. Aber dass ich in diesem Zustand 50 Kilometer bis nach Fulda fahren musste, ist nicht in Ordnung“. Müller hat Respekt vor der aktuellen Situation und auch Verständnis dafür, dass der derzeitige Zustand sowohl für die Ämter als auch die Bevölkerung neu ist. Aber sein Vertrauen, so sagt er, sei durch die unzureichende Unterstützung der Behörde verloren gegangen. „Ich habe mir erhofft, dass das Gesundheitsamt strukturierter koordiniert“.

Hier und da sei der Kontakt mit dem Gesundheitsamt verwirrend gewesen, denn an manchen Tagen sollen sich gleich mehrere Mitarbeiter gemeldet haben, die sich untereinander allerdings nicht abgesprochen hätten. So hat sich das Gesundheitsamt Bad Hersfeld am 4. Januar, knapp eine Woche nach dem PCR-Test in Fulda, bei Martin Müller gemeldet. Doch die Behörde kontaktierte ihn nicht, um wie gehofft die Dauer der Quarantäne zu besprechen. „Ein Mitarbeiter hat mich versehentlich angerufen, denn meine Handynummer ist in der Akte eines Mannes aus Hersfeld gelandet. Dieser sollte eigentlich durch das Gesundheitsamt kontaktiert werden. Blöd nur, dass ich am anderen Ende der Leitung rangegangen bin und somit klar war, dass persönliche Daten durcheinandergebracht wurden“. Auch haben Müller und seine Frau bis heute keinen schriftlichen Bescheid erhalten, von wann bis wann sich beide in Quarantäne begeben mussten. „Unsere Arbeitgeber verlangen ein solches Schreiben, darauf warte ich bis heute. Von Bekannten weiß ich, dass sie zeitnah eine schriftliche Bestätigung erhalten haben“, entgegnet der Bebraner verärgert. Abschließend hofft Müller auf auf mehr Transparenz zwischen Behörden und Bürgern im Kampf um Corona.

Aufruf – Ihre Erfahrungen mit Corona

Der KA möchten von Ihnen gerne wissen, welche Erfahrungen Sie – ob positiv oder negativ – rund um Corona und den zuständigen Institutionen gemacht haben. Lief alles reibungslos? Gab es Probleme? Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten? Schicken Sie uns eine E-Mail an redaktion@kreisanzeiger-online.de.

*Name wurde von der Redaktion geändert

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