700 Karton-Figuren schmücken bald die Stadt: documenta-Leiterin Dr. Sabine Schormann im EXTRA TIP-Gespräch

Die Vorbereitungen für die documenta fifteen laufen auf Hochtouren. EXTRA TIP-Redaktionsleiter Ulf Schaumlöffel traf sich mit Dr. Sabine Schormann zum Spaziergang und redete dabei über aktuelles zur Weltkunstschau.
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Die Vorbereitungen für die documenta fifteen laufen auf Hochtouren. EXTRA TIP-Redaktionsleiter Ulf Schaumlöffel traf sich mit Dr. Sabine Schormann zum Spaziergang und redete dabei über aktuelles zur Weltkunstschau.

Kassel Noch sechs Wochen, dann wird die 15. Ausgabe der documenta eröffnet. Kuratiert wird die Weltkunstausstellung 2022, die vom 18. Juni bis 25. September stattfindet, vom indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa aus Jakarta. Die organisatorischen Fäden hält aber Dr. Sabine Schormann als Generaldirektorin der documenta, in den Händen.

Die Vorbereitungen der documenta fifteen laufen an allen Standorten auf Hochtouren. Erste Werke sind bereits in der Öffentlichkeit zu sehen.

Wir trafen uns mit Dr. Sabine Schormann zum Spaziergang und redeten dabei über die Weltkunstschau.

Laufen die Vorbereitungen im Zeitplan, oder gibt es noch viele Baustellen?

Wir befinden uns in der Aufbauphase und liegen gegenwärtig im Zeitplan. Die Vorfreude wächst, wenn allmählich die künstlerischen Arbeiten, aber auch die Infrastruktur der Ausstellung Formen annehmen. Beteiligte lumbung member und -Künstler*innen sind vor Ort in Kassel, aber auch in anderen Regionen für Ihre Beitrage zur documenta fifteen aktiv. So fand beispielsweise bereits in Nong Pho, Thailand, ein Skateboard-Event von Baan Noorg Collaborative Arts and Culture mit Kindern und Jugendlichen statt, während zeitgleich in Kassel Skateboards in der Mr. Wilson Skatehalle für das Projekt von Baan Noorg gesammelt wurden.

Bleibt bei so einem Job noch Zeit für private Hobbies?

Bei der intensiven Arbeit an einem so großen Projekt bleibt im Endspurt nicht viel Freizeit übrig. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, sich gelegentlich Ruhepausen zu gönnen und die Energiereserven aufzutanken. Das geht zum Beispiel gut bei Spaziergängen in der Natur mit meiner Hündin Lara.

Viele Kritiker befürchten ja, dass die documenta nur aus Holz- und Upcycling-Werken bestehen wird, stimmt das?

Nein, es werden diverse Formate und Materialien – von Malerei, Videokunst, Installationen und skulpturalen Arbeiten bis zu Musik und Performances zu sehen sein. Dennoch spielt Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle: Sie wird in allen Bereichen der Organisation, Ausstellungsaufbau und Infrastruktur der documenta fifteen berücksichtigt und entsprechend ist auch Upcycling und die Wiederverwendung von Materialien ein Thema bei der Umsetzung. Viele Beteiligte beschäftigen sich zudem mit Nachhaltigkeit in einem erweiterten Sinn – sozial, ökonomisch und ökologisch.

Außenkunstwerke sind ja bei allen immer beliebt. Können sie schon verraten, was auf Friedrichsplatz oder an der Fulda zu sehen sein wird?

Taring Padi fertigen in Workshops mit verschiedenen lokalen Gemeinschaften so genannte wayang kardus, Figuren aus Karton. Inzwischen gibt es schon über 700 Stück, die dann zur documenta fifteen auch im Stadtraum zu sehen sein werden. Dan Perjovschi wird während der documenta fifteen im Stadtraum mit seinen Zeichnungen die Aufmerksamkeit auf aktuelle Themen richten. Auch darauf, was auf und entlang der Fulda zu sehen sein wird, darf man gespannt sein.

Wird die documenta in ihrem veranschlagten Budget bleiben?

Wir sind derzeit trotz Corona-Pandemie und Krieg in der Ukraine im Plan.

Was passiert im ruruHaus?

Das ruruHaus ist Wohnzimmer, Treffpunkt und Arbeitsplatz für die documenta fifteen. Während der Laufzeit wird es als Welcome Center die erste Anlaufstelle für Besucher*innen sein. Außerdem wird dort auch Kunst gezeigt und es werden Veranstaltungen stattfinden.

Corona hat die Kunstszene hart getroffen. Wie nah stand die documenta vor der Absage?

Im vergangenen Juni haben wir gemeinsam mit dem Aufsichtsrat und den Gesellschaftern verschiedene Szenarien geprüft und sind erfreulicherweise zu dem Entschluss gekommen, dass die documenta fifteen diesen Sommer wie geplant stattfinden kann – und muss.

Gerade in der heutigen Zeit, in der Krise auf Krise zu folgen scheint, ist es wichtig ein Zeichen für Gemeinschaftlichkeit und Zuversicht zu setzen.

Entspanntes Gespräch im „Rahmenbau“ (Kunstwerk der ehemaligen Architekten- und Künstlergruppe Haus-Rucker-Co, errichtet zur documenta 6): Dr. Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta, und EXTRA TIP-Redaktionsleiter Ulf Schaumlöffel.

Wie beeinflusst der Krieg in der Ukraine die Kunstschau?

Auch hier ist Dan Perjovschi ein gutes Beispiel: Perjovschi reagierte mit seinen Zeichnungen Anti War Drawings, die bis zum 3. Mai an der Fassade des Fridericianum zu sehen waren, verstärkt auf den Ukraine-Krieg und wird sich auch während der Laufzeit aktuellen gesellschaftlichen Fragen widmen. Andere an der documenta fifteen Beteiligte teilen Erfahrungen mit Krieg und bewaffneten Konflikten auch aus anderen Regionen weltweit. Im Zuge der Prozesshaftigkeit der documenta fifteen wird diese Thematik direkt oder indirekt auch Eingang in Beiträge von lumbung-Künstler*innen finden

Bei allen schwierigen Themen, gibt es auch „lustige, leichte“ Kunstwerke auf die man sich freuen kann?

Ja, unbedingt. Nicht umsonst ist Humor einer der zentralen lumbung-Werte. Bei aller Dringlichkeit und aktuellen Anliegen, die den Beteiligten am Herzen liegen, soll auf der documenta fifteen auch gemeinsam gelacht werden können.

Was ist bislang Ihr schönster documenta Moment?

Im Jahr 2019 im November im Nieselregen gemeinsam mit ruangrupa-Mitgliedern zu indonesischem Hip Hop um ein Lagerfeuer beim FC Bosporus Kassel e.V. zu tanzen – das verbindet und macht Vorfreude auf einen erlebnisreichen documenta Sommer.

Wann ist es für sie eine gelungene documenta?

Die aktuelle Zeit ist kein Moment für Superlative im Sinne von „höher, schneller, weiter“. Entscheidend ist, dass es gelingt, gemäß des „lumbung“ Prinzips die Gäste und Beteiligten der documenta fifteen aus verschiedenen Orten der Welt zusammenzubringen und über die 100 Tage neue, gemeinsame Kunsterfahrungen zu ermöglichen.

Gibt es bei der diesjährigen documenta etwas, was für den Kasseler oder den Nordhessen besonders interessant ist?

Orte, die Kasseler*innen und Menschen aus Nordhessen vielleicht noch kennen, können sie nun bei der documenta fifteen mit neuen Augen wiederentdecken, darunter zum Beispiel das Areal der WH22 mit der Großen und der Kleinen Weinkirche, das Hotel Hessenland, oder das ehemalige Sportkaufhaus, in dem sich nun das ruruhaus befindet. In Kooperation mit HessenForst setzen wir uns zudem mit einem unserer Nachhaltigkeitsprojekte für die Aufforstung der Wälder in Hessen ein. Nicht nur fließt je ein Euro pro verkauftes Ticket in Nachhaltigkeitsprojekte wie dieses, die Öffentlichkeit kann sich hier auch selbst an Pflanzaktionen beteiligen. Eine schöne Möglichkeit, sich lokal zu engagieren, ist es auch, ein Soli-Ticket zu erwerben, wodurch eine weitere Person kostenfreien Zugang zur documenta fifteen erhält.

Warum sollte sich der Kasseler / Nordhesse die diesjährige documenta unbedingt anschauen?

Nach dem lumbung-Prinzip ist Gemeinschaftlichkeit wichtiger denn je. Die documenta fifteen bietet unseren Gästen die Möglichkeit, sich miteinander sowie mit den Beteiligten in Verbindung zu setzen und aktiv in diversen Projekten zu partizipieren. Dadurch wird der Besuch der documenta fifteen zu einem einmaligen Besuchserlebnis, der für jeden individuell anders sein wird. Auch werden die Fulda und der Osten in den Mittelpunkt rücken und neue Entdeckungen ermöglichen.

Nach dem finanziellen Debakel der vergangenen documenta: Gibt es Schutzmechanismen, um ein ähnliches finanzielles Fiasko zu verhindern?

Wir haben auf Basis der Erfahrungen der documenta 14 ein neues, umfassendes und transparentes Gesamt-System etabliert, das auch gelebt wird.

Wie hoch ist das Budget der diesjährigen documenta?

Ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass wir über ein Gesamtbudget für insgesamt fünf Jahre sprechen, das sich auf sämtliche Aufwendungen der Vorbereitung, Laufzeit und Nachbereitung einer documenta bezieht. Es deckt entsprechend alle Positionen von Infrastruktur über Personal bis hin zur eigentlichen Ausstellungsproduktion und -betrieb ab, darin auch Bildung und Vermittlung, Barrierefreiheit, Kommunikation oder Sicherheit.

Das bedeutet in Zahlen ausgedrückt?

Das laut dem 5-Jahres Wirtschaftsplan für 2019 bis 2023 geplante Budget für die documenta beträgt 42,2 Mio. Euro. Dieses setzt sich in der Planung wie folgt zusammen: Eintrittsgelder 12,5 Mio. Euro, Drittmittel und sonstige Einnahmen 4,7 Mio. Euro, die Gesellschafter, Stadt Kassel und Land Hessen, jeweils 10,75 Mio. Euro sowie die Kulturstiftung des Bundes 3,5 Mio. Euro. Zum Vergleich: Das geplante Budget der documenta 14 für die Jahre 2014 bis 2018 betrug 39 Mio. Euro, hierbei ist das Defizit aus dem Jahr 2017 nicht berücksichtigt. Die geplante Budgetsteigerung zwischen documenta 14 und documenta fifteen liegt danach unterhalb der inflationsbedingten Anpassungen.

Gibt es ein Abend-Ticket?

Das gibt es. Das Abend-Ticket ist zum Preis von 12 € (ermäßigt 8 €) für einen frei wählbaren Tag von 17–20 Uhr gültig und berechtigt zur Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel im Tarifgebiet KasselPlus von 16–21 Uhr. Tickets können auf unserer Website unter: www.documenta-fifteen.de/tickets , telefonisch unter der T +49 30 84108908 und an den Vorverkaufsstellen erworben werden. Gruppenbuchungen können unter tickets@documenta.de angefragt werden. In Kassel können die Tickets im ruruHaus, an der Tourist Information Kassel, sowie am Kassel Service Point im Galeria Kassel gekauft werden.

Der Kasseler Osten wird besonders viel in die documenta Planung mit einbezogen und gefördert? Warum fallen die anderen Stadtteile zurück?

Der Osten ist eine Gegend, den ruangrupa besonders interessiert. Darüber hinaus werden aber auch andere Stadtteile bespielt. ruangrupa und dem Künstlerischen Team liegt es am Herzen, Zentrum und Peripherie zu verbinden und mit deren jeweiligen Wahrnehmungen zu spielen.

Wie will man das internationale Publikum und die internationalen Künstler mit Nachhaltigkeit und Regionalität verbinden?

Essen bringt die Leute erfahrungsgemäß zusammen! Auf dem Friedrichsplatz wird es einen Street-Food Markt geben, an dem Betreiber*innen dem internationalen Publikum Essen mit regionalen Zutaten in Bio-Qualität anbieten werden. Gemeinsam zu Kochen, zu Essen und darüber ins Gespräch kommen ist auch Teil verschiedener künstlerischer Projekte. In Zusammenarbeit mit der lokalen Hütt-Brauerei wurden zudem eigens ein alkoholhaltiges und ein alkoholfreies Bier mit einer fruchtigen Note in Bio-Qualität für die documenta fifteen kreiert.

Extra Info

lumbung

lumbung, direkt übersetzt „Reisscheune“, bezeichnet einen in den ländlichen Gebieten Indonesiens gemeinschaftlich genutzten Bau, in dem die Ernte einer Gemeinde als gemeinsame Ressource für die Zukunft zusammengetragen, gelagert und nach gemeinsam bestimmten Kriterien verteilt wird. Als Modell für die documenta fifteen ist lumbung als eine Art kollektiver Ressourcenfundus zu verstehen, der auf dem Prinzip von Gemeinschaftlichkeit beruht. Er versammelt Ideen, Geschichten, menschliches Arbeitspotenzial, Zeit und andere gemeinsam nutzbare Ressourcen.

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