Die alltägliche Gefahr am Smartphone: Cybergrooming trifft besonders einsame und jüngere Kinder

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Beim Cybergrooming wird über das Internet sexualisierter Kontakt zu Kindern und Jugendlichen hergestellt. Oftmals werden von den Betroffenen Nacktfotos gefordert oder auch erpresst.

Cybergrooming beschäftigt immer öfter Gerichte, Lehrkräfte und Eltern. Denn Kinder können die Gefahr im Internet nicht abschätzen, geben schnell zu viele Informationen von sich preis und machen sich so angreifbar.

Kassel. „Wenn die Eltern unten im Wohnzimmer sitzen und denken, ihre Kinder sind sicher zu Hause, können sich oben im Kinderzimmer ganz andere Szenen abspielen. Über das Smartphone ist das Internet immer und überall mit dabei und somit auch die Gefahr des Cybergroomings (siehe unten)“, erzählt Annemarie Selzer, Leiterin von Amani, der Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Kassel. Den Tätern wird es heutzutage leicht gemacht, direkten Zugriff zu Kindern zu erhalten – und das ohne Beobachter von außen. Alle gängigen Plattformen der sozialen Medien eignen sich für ‚Anbahnungskontakte‘ und gerade spezielle Kinderchatforen liefern die geeignete Zielgruppe.

Annemarie Selzer von Amani – der Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Kassel.

„Kinder geben sehr schnell sehr viel von sich preis. Gerade Plattformen mit Profil liefern oft Name, Wohnort, Hobbies, so dass ein Täter schnell ein Vertrauensverhältnis aufgrund vorgetäuschter Gemeinsamkeiten aufbauen kann. Schnell geht es dann zur Sache und der Kontakt wird vermehrt sexualisiert. Man fragt nach Nacktfotos und ähnlichen“, so Selzer. Gerade jüngere Kinder mit ihrem Urvertrauen oder einsame Kinder, die nach Bestätigung suchen, sind einem hohen Risiko ausgesetzt, sich von außen beeinflussen zu lassen und schließlich Opfer zu werden.

Hinzukommt, dass viele Kinder und Jugendliche falsche Vorstellungen vom Umgang mit freizügigen Fotos haben. „Zwei Drittel der 15-Jährigen haben schon einmal Penis-Fotos geschickt bekommen und teils denken die Jungs, dass es tatsächlich ein Mittel des Flirtens ist und hoffen darauf, im Gegenzug Fotos von den Mädchen gesendet zu bekommen. Hier muss man aufklären und über den richtigen Umgang sprechen“, berichtet Selzer, die auch Lehrkräfte und Schulen im Umgang mit Cybergrooming schult.

Denn oftmals sind es die Lehrer, die etwas in ihren Klassenzimmern aufschnappen oder sich Schüler ihnen anvertrauen. Doch gerade Eltern sollten ihre Kinder über die Gefahren im Internet aufklären und sich als offener Gesprächspartner anbieten. Denn oftmals wissen Kinder gar nicht, dass Inhalte, die sie geschickt bekommen, illegal und sogar strafbar sind. Beispielsweise, wenn Kindermissbrauchsabbildungen oder Rechtsextremes in Gruppen kursieren. Postet ein Unbekannter solch ein Video in eine Whatsapp-Gruppe, machen sich alle Mitglieder des Besitzes mitschuldig. Zumal das Material alleine die Kinder schon verstören kann. „Eltern sollten daher genau schauen, was das Kind allein in seinem Zimmer am Handy macht. Wichtig ist es auch, den Kindern nicht mit Handyverbot zu drohen, denn das ist oftmals das Schlimmste. Viel eher sollte man mit den Kindern in Kontakt bleiben, nachfragen, mit wem gechattet wird und bei unbekannten Namen nachhaken“, gibt Annemarie Selzer Tipps. Wurde das Kind dann tatsächlich dazu gebracht, freizügige Fotos zu verschicken, sollte man als Erwachsener keinesfalls wütend oder enttäuscht reagieren, sondern Hilfestellen wie Amani in Anspruch nehmen und Anzeige bei der Polizei erstatten. Die Fachberatungsstelle Amani und das Mädchenhaus Kassel halten den Beratungsbetrieb aufrecht. Gerade in Zeiten von häuslicher Isolation kann die Gefahr steigen, Opfer von sexualisierter und anderer Gewalt zu werden. Sie sind auf den gewohnten Wegen, telefonisch oder per Mail, zu erreichen.

Außerdem sind sie mobil, über die Messenger-Apps Telegram oder Signal erreichbar: 0176 23346140. Mehr Infos dazu unter www.amani-kassel.de

Über Cybergrooming

Der Begriff Cybergrooming umfasst verschiedene Straftatbestände und lässt sich daher als Phänomen statistisch nicht explizit auswerten. Im Wesentlichen handelt es sich jedoch um Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern oder Jugendlichen, Verbreitung von Pornografie an Minderjährige oder Nötigung / Erpressung (auf sexueller Grundlage) zum Nachteil von Kinder und Jugendlichen. Nach Einschätzung der Ermittler unseres für Sexualdelikte zuständigen Kommissariats 12 gibt es jeden Monat in Nordhessen wegen derartiger Delikte mehrere Anzeigen, jedoch noch im einstelligen Bereich, die im Kontext des Begriffs Cybergrooming stehen.

Verhaltenstipps

- Nie den echten Namen verwenden, sondern Pseudonyme.

- Nie die Adresse oder Schule, am besten nicht einmal den Wohnsitz preisgeben.

- Wenn man eine Internetbekanntschaft treffen möchte, einen Freund/Freundin einweihen, damit jemand weiß, wann und wo man sich trifft.

- Immer im öffentlichen Raum treffen und einen Freund/Freundin in der Nähe haben, der beobachtet, was geschieht.

Das sagt die Polizei

Polizeipressesprecher Matthias Mänz dazu: Wir als Polizei raten Eltern unbedingt dazu, den Umgang ihrer Kinder mit Medien von Beginn aufmerksam zu begleiten und zu verfolgen sowie ihnen die nötige Medienkompetenz zu vermitteln. Im Internet gibt es viele gute Informationsseiten wie www.polizeifürdich.de oder www.klicksafe.de für Eltern und Pädagogen sowie als „Klicksafe für Kinder“. Sollte sich ein Kind von sich aus den Eltern anvertrauen, weil es möglicherweise über das Internet belästigt wird, so sollten die Eltern das ernst nehmen und dem Kind zuhören. Wichtig ist vor allem, dass man das Kind dafür lobt, dass es sich den Eltern anvertraut hat und es nicht dafür kritisiert, dass so etwas überhaupt passieren konnte. Man sollte sich bewusstmachen, dass es pädosexuelle Täter mittlerweile über Messaging-Dienste, Soziale Netzwerke oder Online-Spiele sehr leicht haben, direkt Kontakt mit ihrer Zielgruppe aufzunehmen und diese Möglichkeiten auch gezielt nutzen. Besteht der Verdacht, dass es bereits zu strafbarem Handeln kam, sollte umgehend Anzeige bei der Polizei erstattet werden.

Darüber hinaus können sich Eltern und Kinder mit ihren Sorgen und Fragen auch jederzeit bei der Polizei Rat einholen. Hier gibt es den Polizeiladen in der Wolfsschlucht (0561 17171) und die Jugendkoordinatoren des Polizeipräsidiums Nordhessen, (Tel. 0561 910 1037 oder 1031) als Stellen.

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