Angehörige des "Pinne"-Mädchen treffen sich zum ersten Mal

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Auf dem Edith Mahler-Gräberfeld: Gisela Neumann und Heinz Jung.

Nach dem EXTRA TIP-Artikel vom 10. Februar haben sich die Angehörigen des "Pinne"-Mädchen zum ersten Mal getroffen und an ihre Großcousine und Mutter erinnert.

Kassel. Es ist klirrend kalt an diesem Morgen, die Sonne scheint, aber ein eisiger Wind fegt durch den Bahnhof Wilhelmshöhe in Kassel. Heinz Jung (63) ist früh aufgestanden in Saarbrücken, nach zweimaligem Umsteigen rollt der Zug pünktlich in Kassel ein. Er weiß nicht, was ihn heute in Kassel erwartet. Auf der Spurensuche nach dem Grab seiner Großmutter Elisabeth Mahler, die in der Bombennacht des 22. Oktober im Keller der „Pinne“ verstorben ist.

Er wird heute fündig werden, denn nach der Berichterstattung des EXTRA TIP, in der wir zusammen mit der „Saarbrücker Zeitung“ nach dem Mädchen suchten, das in der Bombennacht auf wundersame Weise aus den Kellern der Pinne entkam, überlebte und dessen Spur sich im Saarland verlor, hatte sich Heinz Jung gemeldet. „Als ich das gelesen habe, habe ich eine Gänsehaut gekriegt,“ erzählt er – denn ihm war klar: Die Suche galt seiner Mutter, Edith Mahler. Heinz Jung meldete sich sofort – und so klärte sich das Schicksal von Edith Mahler, die 2014 gestorben ist, auf.Gisela Neumann (81) aus Kassel hat Edith Mahler gut gekannt. Ihre Oma und die Mutter von Edith Mahler waren Schwestern und Edith hat bei ihren vielen Kassel-Besuchen der Großcousine oft einen Besuch abgestattet. „Die Geschichte aus der Bombennacht hat Edith immer wieder erzählt,“ sagt sie. Aber Gisela Neumann und Heinz Jung haben sich noch nie gesehen, die Spurensuche in Kassel beschert dem Saarländer einen neuen Familienkontakt, einer, der ihm viel berichten kann über die Mutter und auch die Oma, die er nie kennengelernt hat. Nach dem ersten Kennenlernen im Kalten geht es mit dem Auto zum Hauptfriedhof. Auf dem Weg beginnt das Erzählen, man sortiert die Verwandten ein, Heinz Jung hat mit seinem Bruder Volker von Saarbrücken aus Nachforschungen angestellt. In der Wilhelmshöher Allee lebte eine gemeinsame Tante, an der Germaniastraße zeigt Gisela Neumann auf ein Eckhaus: „Hier hat deine Mutter ihre Lehre gemacht“ – im Restaurant „Germania“, denn nach dem Krieg kam Edith Mahler vorübergehend zurück nach Kassel und wurde Köchin.Gisela Neumann hat auf dem Hauptfriedhof schon gelegentlich nach dem Grab ihrer Großcousine gesucht – doch hier liegen mehr als 3000 Bombenopfer begraben, meist mehrere Namen sind auf den Grabsteinen, die dringend gereinigt werden müssten zu sehen. Doch in der fünften Reihe wird man schnell fündig. Elisabeth Mahler – Heinz Jung verharrt einige Momente still vor dem Grab seiner Oma, vielleicht denkt er an die Erzählungen seiner Mutter aus der Bombennacht, die der „Pinne“ entkam, als Elisabeth Mahler schon tot war.

vorübergehend zurück nach Kassel und wurde Köchin. Gisela Neumann hat auf dem Hauptfriedhof schon gelegentlich nach dem Grab ihrer Großcousine gesucht – doch hier liegen mehr als 3000 Bombenopfer begraben, meist mehrere Namen sind auf den Grabsteinen, die dringend gereinigt werden müssten zu sehen. Doch in der fünften Reihe wird man schnell fündig. Elisabeth Mahler – Heinz Jung verharrt einige Momente still vor dem Grab seiner Oma, vielleicht denkt er an die Erzählungen seiner Mutter aus der Bombennacht, die der „Pinne“ entkam, als Elisabeth Mahler schon tot war. Später geht es in den Hanseatenweg, den es früher so nicht gab. Hier führte aber die Verlängerung der Wildemannsgasse hin, der Straße, in der die „Pinne“ stand und zerstört wurde, in deren Kellern in wenigen Stunden 400 Menschen starben. Nichts erinnert mehr daran – an Stelle der „Pinne“ ist dort heute ein eingezäunter Kinderspielplatz. Im Stadtmuseum sieht Heinz Jung später anhand des Modells im obersten Stockwerk, das die zerstörte Stadt zeigt, was das für ein Inferno gewesen sein muss. Jeden Betrachter schaudert es beim Anblick dieses Ruinenmeeres, man kann sich kaum vorstellen, dass überhaupt jemand lebend aus der Bombenhölle entkommen sein kann. Doch Edith Mahler schaffte es.

Heinz Jung wirkt sehr nachdenklich, betroffen, als er immer wieder aus einer anderen Perspektive auf die zerstörte Stadt schaut. Er wird weiter forschen, seinen Stammbaum ergänzen – denn irgendeiner der Vorfahren, da ist er sicher, ist aus dem Saarland nach Kassel gekommen. Kassel – Saarland: Die Verbindung hat neues Leben bekommen, denn Heinz Jung und Gisela Neumann verbringen den Rest des Tages mit dem Aufarbeiten von Erinnerungen. Im Sommer kommt Jung wieder. Dann will er seinem Bruder Volker alles zeigen, was ihn heute so bewegt hat.

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