Angriff auf Edertalsperre: Auch Kassel stand unter Wasser

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Viele Bewohner wurden im Schlaf überrascht: Die Bombe riss ein halbovales Loch in die Sperrmauer.

Nachdem die letzten Bombenangriffe schon Monate zurück lagen, wurde in der Nacht zum 17. Mai 1943 die Edertalsperre angegriffen. Auch Kassel stand unter Wasser.

Waldeck. Am Himmel über Kassel und der gesamten Region war es in diesen Kriegsmonaten lange friedlich gewesen. Man schrieb den 16. Mai 1943 – zwar hatte es den einen oder anderen Fliegeralarm gegeben – doch die bisher letzten Bombenangriffe datierten vom 28. und 29. August 1942. Mitten in der Nacht auf den 17. Mai ertönen dann in Kassel wieder die Sirenen. Der Fliegeralarm dauert vier Stunden an – und als Entwarnung gegeben wird, ist kein Flugzeug über der Stadt aufgetaucht, keine Bombe wurde abgeworfen. Alles gut also? Mitnichten. Denn der britische Fliegerverband, der in Nordhessen aufgetaucht war, hatte ein ganz anderes Ziel als die Stadt an der Fulda. Es war ein Spezialverband, dessen einziger Auftrag es war, Talsperren in Nordrhein-Westfalen und Hessen zu zerstören. Die Attacke auf die 400 Meter lange Sperrmauer des Edersees war für die Flugzeuge eine gewagte Aktion: Denn es galt, die extra für diese Mission entwickelten Rollbomben exakt abzuwerfen. Die Vorgaben waren extrem präzise: In 18,29 Metern Höhe bei Tempo 354 km/h musste die Last ausgeklinkt werden, die Piloten mussten die Maschinen im Sturzflug in die enge Schneide des Edersees lenken und den Abwurf so präzise vornehmen, dass die Rollbombe, die vor dem Anwurf in eine Rotation entgegengesetzt der Flugrichtung gebracht wurde, auf dem Wasser aufschlug und dann Richtung Sperrmauer sprang – über die Abfangnetze hinweg. Luftabwehr gab es nicht, die Flakstellungen waren wenige Tage zuvor abgezogen worden.

Wasser lief bis nach Kassel

Dennoch scheiterten die ersten Versuche. Pilot Les Knight hatte noch eine Bombe an Bord, als er zum letzten Versuch ansetzte. Bombenschütze Edward Johnson klinkte die Bombe aus, die dann Richtung Sperrmauer hüpfte. Um 1.50 Uhr am 17. Mai prallte die Bombe gegen die Mauer. Doch nicht der Aufprall sollte die Explosion auslösen, die Bombe hatte einen Druckzünder. Sie versank im Wasser und in zehn Meter Tiefe detonierte sie dann, riss ein halbovales Loch ins Gemäuer – die angestaute Wassermassen schossen Richtung Tal, vergrößerten das Loch in der Sperrmauer weiter. Und erreichten als erstes die unmittelbar unterhalb der Talsperre liegenden Dörfer Edersee, Hemfurth, Affoldern, Mehlen und Giflitz. Viele Bewohner wurden im Schlaf überrascht, im etwa 50 Kilometer entfernt gelegenen Kassel hatte man Zeit, sich zu wappnen. Fast 20.000 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, denn man rechnete im Lauf des Vormittags mit der Ankunft der Flutwelle in der Großstadt. Hier waren die tief gelegenen Stadtteile wie die Unterneustadt am meisten bedroht.

Überschwemmung: Einige Bewohner der Unterneustadt hatten nicht daran geglaubt, dass die Flutwelle in Kassel ein solches Ausmaß annehmen könnte .

Ab 11 Uhr am 17. Mai stieg das Wasser deutlich an. Um 15 Uhr hatte die Fulda ihren Höchststand erreicht – 4,20 Meter über dem Normalpegel. Selbst die Orangerie wurde zum Wasserschloss – und mit der Flutwelle kam ja nicht nur Wasser. Baumstämme, Balken, Tierkadaver, ganze Hausteile trieben flussabwärts, verstopften Flutgräben, Brückenbögen. Nicht alle Bewohner der Unterneustadt hatten ihre Wohnungen verlassen. Manche hatten nicht daran geglaubt, dass die Flutwelle ein solches Ausmaß einnehmen würde. Da es irgendwann zu spät war, die Wohnungen zu verlassen, machten sich die Helfer in Booten auf, die Menschen zu retten. In einem Boot saßen der 65-jährige Hermann Rasch und der 52-jährige Wilhelm Queck, dienstverpflichtet zur Feuerschutz- und Luftpolizei. Eine lebensgefährliche Mission, denn niemand konnte sehen, was sich unter der schlammbraunen Wasseroberfläche verbarg. Das Boot der beiden rammte einen Metallzaun, schlug leck, füllte sich mit Wasser. Die beiden Männer versuchten, das rettende Ufer zu erreichen. Das Boot aber geriet in einen Strudel, Rasch und Queck ließen ihr Leben. Es waren die einzigen Flutwellen-Toten in Kassel.

Zahl der Opfer ist unbekannt

Wie viele Menschenleben die Zerstörung der Edertalsperre insgesamt gefordert hat – manche Schätzungen gehen von bis zu 68 aus – ist unbekannt. Von den 19 auf dem ostenglischen Fliegerhorst Scampton gestarteten Flugzeugen kehrten nur elf nach England zurück, 53 der 133 britischen Soldaten starben. Die Operation, die den Namen Chastise (züchtigen) trug, war unterm Strich alles andere als ein voller Erfolg. Fünf Talsperren waren das Ziel in dieser Nacht. Zwar wurde auch die Möhne-Talsperre zerstört, ein Erdwall am Sörpesee wurde nur leicht beschädigt, der Angriff auf den Ennepedamm bei Hagen schlug fehl, die Lister-Talsperre wurde von den Fliegern gar nicht erreicht. Mit diesem Angriff begann der Luftkrieg über Kassel im Jahr 1943.

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