"Die Angst ist noch immer da"

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Eingesperrt und terrorisiert: Nilgün (25) aus Mazedonien lebt seit fast anderthalb Jahren im Frauenhaus Kassel. Noch heute hat sie Angst, ihr Mann könnte ihren Sohn entführen. Foto: Bräutigam

Kassel. Eingesperrt und terrorisiert: Nilgün (25) aus Mazedonien floh mit ihrem Baby ins Kasseler Frauenhaus.

Kassel. Sie hatte sich auf das Leben in Deutschland gefreut. Seine Familie würde auch ihre Familie sein, hatte er immer gesagt. Doch es kam anders: "Sie wollten nur eine billige Sklavin", sagt Nilgün leise. Wie die 25-Jährige mit echtem Namen heißt, will sie nicht verraten. Sie hat Angst. Vor dem Mann, den sie geheiratet hat. Und vor seiner Familie, die ihr bis heute das Leben zur Hölle macht.

Albtraum beginnt nach der Hochzeit

Nilgüns Albtraum beginnt kurz nach der Hochzeit vor zwei Jahren. Ihr Mann ist Serbe, sie Mazedonierin. Als sie schwanger wird, zieht das Paar nach Deutschland; lebt gemeinsam mit seiner vierköpfigen Familie in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung.  "Am Anfang war ich schon glücklich. Ich habe mich auf mein Baby gefreut", erzählt Nilgün.  Dass die Schwiegereltern ihren Pass einkassiert haben, sie  ihre langen Haare nicht offen tragen  und  die Wohnung nicht alleine verlassen darf, nimmt sie hin.

Doch in der achten Schwangerschaftswoche verschärft sich die Situation. Die junge Frau leidet unter heftiger Übelkeit, muss immer wieder für längere Zeit ins Krankenhaus. Weil ihr Mann sie nicht krankenversichert hat, muss die Familie die Behandlungskosten begleichen. Nilgün wird zur Last, nicht nur finanziell. Sie kann den Haushalt nicht mehr führen, ihren körperlich behinderten Mann nicht mehr waschen. "Da haben sie angefangen, mich fertig zu machen", erinnert sie sich. Die Familienmitglieder verlassen den Raum, wenn sie eintritt, schreien sie permanent an.  Ein Arzt im Krankenhaus bemerkt, dass  die junge Frau völlig verängstigt ist. Doch Nilgül schweigt. Aus Furcht. Und weil sie die Sprache nicht kann.

Terror nach der Geburt

Nach der Geburt eskaliert die Situation. Als Nilgün der Ärztin zum Dank eine Blume überreichen will, versucht die Familie ihres Mannes, mit dem Neugeborenen das Krankenhaus zu verlassen.  "Sie sagten mir, ich brauche nicht warten. Sie hätten jetzt das Kind", erzählt die 25-Jährige und weint. Zuhause geht der Psychoterror weiter. Immer wieder soll Nilgün Papiere unterschreiben.  "Heiratsurkunde", sagt die Schwiegermutter. In Wirklichkeit sind es Einverständniserklärungen, durch die sie zusichert, das Kind dem Vater zu überlassen. Doch Nilgün weigert sich.

Als der Streit eines Tages eskaliert, verlässt sie mit ihrem Sohn die Wohnung. Ohne Kleidung, nur mit einer Fotokopie ihres Passes, rennt sie zum Bahnhof, wartet drei Stunden, bis ihr Schwager sie abholt. Er bringt sie nach Kassel, wo Nilgüns Schwester lebt.  Kurz darauf, am 25. Juni 2012, kommen Mutter und Sohn ins Frauenhaus.  Hier leben die beiden noch immer.

Es gehe ihr besser, sagt sie leise. "Aber die Angst, dass sie mir mein Kind wegnehmen, die ist noch immer da."  Zwar wurde der Familie gerichtlich verboten, sich Nilgün und ihrem Sohn zu nähern. Doch beide Elternteile haben noch immer das gemeinsame Sorgerecht. Einmal im Monat hat der Vater das Recht, seinen Sohn unter Aufsicht zu sehen. Für Nilgün jedes Mal wieder ein emotionaler  Kraftakt. Die Schwiegereltern haben gesagt, dass sie sich ihren Enkel eines Tages holen werden. Um ihre Drohung zu unterstreichen, stehen sie während der Vater-Kind-Treffen immer an der Straße.  Nilgün will das Frauenhaus trotzdem bald verlassen. Sie träumt von einer eigenen Wohnung, will Deutsch lernen. "Mein Sohn soll ein guter Mensch werden", sagt sie und schüttelt ihre langen, schwarzen Locken. Auf dem Heimweg macht sie sich  mit der Straßenbahn. Diese Freiheit lässt sie sich nicht nehmen.

+++ EXTRA INFO: Mehr als 1.000 Fälle häuslicher Gewalt in Nordhessen +++

Beim Polizeipräsidium Nordhessen wurden 2012 insgesamt 1012 Fälle häuslicher Gewalt bearbeitet, davon wurden 139 als gefährliche oder schwere Körperverletzung eingestuft und vier als versuchte Tötungen. Die Opfer-/Tatverdächtigenvergleiche der Polizei zeigen dabei, dass Frauen stärker von Gewalt betroffen sind als Männer: Bei den in Hessen polizeistatistisch erfassten Vorfällen waren in 2012 85,7 Prozent der Opfer weiblich und 14,3 Prozent männlich. Die Tatverdächtigen waren zu 86,7 Prozent männlich und nur zu 13,3 Prozent weiblich.

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