Apotheker schlagen Alarm: Seit den verschärften Maßnahmen sind viele Fälschungen im Umlauf 

Jeden Tag tauchen gefälschte Impfausweise auf: Anna Schirmer (für das Foto kurz ohne Maske) von der Sandershäuser Apotheke und ihr Team sind unzufrieden und verweigern bei Unklarheiten die Ausstellung des QR-Codes. 
+
Jeden Tag tauchen gefälschte Impfausweise auf: Anna Schirmer (für das Foto kurz ohne Maske) von der Sandershäuser Apotheke und ihr Team sind unzufrieden und verweigern bei Unklarheiten die Ausstellung des QR-Codes. 

9 von 13 vorgelegten Impfausweisen waren falsch – das war bislang der traurige Rekord, den Apothekerin Anna Schirmer und ihr Team verzeichneten. Seit Verschärfung der Maßnahmen boomt der Handel mit den gefälschten gelben Ausweisen. 

Kassel. Kurz bevor die Corona-Maßnahmen am 11. Oktober von der Bundesregierung verschärft und Tests kostenpflichtig wurden, verzeichnete Anna Schirmer von der Sandershäuser Apotheke den traurigen aber auch erschreckenden Rekord in ihrer Apotheke: Von 13 vorgelegten Impfausweisen waren 9 gefälscht.

„Es fällt uns auf, wenn die Kunden ihren digitalen Impfausweis – also den QR-Code – ausgestellt haben wollen. Dafür müssen sie den gelben Impfausweis vorlegen und immer öfter bemerken wir dann, dass etwas nicht stimmen kann“, so Schirmer. Was genau auffällt, möchten wir hier an dieser Stelle nicht nennen, um es Fälschern nicht einfacher zu machen.

„Anfangs haben wir uns an Apothekerverbände gewandt, doch dort wurden wir eher als Ausnahmefall gesehen. So als wäre Sandershausen ein sozialer Brennpunkt“, sagt die Apothekerin enttäuscht. Ihr Team und sie fühlen sich hilflos und sind unzufrieden, dass die Kontrolle der Impfausweise, um den digitalen Pass zu bekommen, an den Apotheken hängen bleiben. „Es gab keine Richtlinien oder Rundschreiben, wie oder woran man einen gefälschten Impfausweis erkennt. Mittlerweile findet man dazu immerhin ein paar Angaben im Internet.“ Seit nun viele Freizeitaktivitäten nur noch mit 2G-Nachweis besuchbar sind, boomen die Fälschungen im Internet, die man für bis zu 300 Euro bestellen kann.

Ein bis zwei Fälschungen unter knapp 20 vorgezeigten Impfausweisen pro Tag werden in der Sandershäuser Apotheke weiterhin aufgedeckt. Wenn den Apotheken-Mitarbeitern etwas komisch vorkommt, bitten sie darum, eine Kopie des Ausweises anfertigen zu dürfen, damit Unstimmigkeiten überprüft werden können. Dann könnte man den angegebenen Hausarzt oder das Impfzentrum kontaktieren. So kann dann überprüft werden, ob die Praxis überhaupt besteht oder das Impfzentrum zum Zeitpunkt der angegebenen Impfung überhaupt geöffnet war. Im Internet gibt es zudem Meldungen, dass Hausarztpraxen aus dem Hochwassergebiet angegeben werden, die nicht mal mehr existieren.

„Wenn man die Kunden darauf hinweist, dass wir wegen des Impfausweises etwas klären müssen, haben es einige plötzlich sehr eilig oder sehen doch keine notwendige Dringlichkeit, den Ausweis gerade jetzt bei uns zu lassen. Dann können wir uns fast sicher sein, dass etwas nicht stimmt. Der Kunde, dessen Impfausweis echt ist, lässt ihn uns auch dort, bis die Fragen geklärt sind“, so Anna Schirmer. Das Nachfragen ist nicht nur aufwendig für die Apotheker, sondern kann auch unangenehm enden. Denn wenn die Ausweis-Besitzer damit konfrontiert werden, dass ihr Ausweis eine Fälschung ist, sind einige wenige schon aggressiv geworden.

Das Klientel das mit gefälschten Impfausweisen die Apotheke besucht, ist dabei breit gefächert: Egal ob die „Mutti von nebenan“, Senioren, Jugendliche oder der Stammkunde, der vielleicht hofft, nicht aufzufliegen, weil er schon so lange in der Apotheke bekannt ist. Fälschungen werden von dem Apotheker-Team an das Polizeirevier Ost weitergeleitet. „Zu denen haben wir mittlerweile eine Standleitung“, sagt Schirmer.

Das größte Problem war bislang jedoch, dass das Vorlegen eines falschen Impfausweises bis zum 24. November 2021 noch keine Straftat war – sofern man es nicht bei Behörden oder Versicherungen einreicht. Eine Lücke im Gesetz machte dies möglich, wurde mit einer Gesetzesänderung auf Vorschlag der Ampel-Koalition nun verändert. Im schlimmsten Fall drohen sogar bis zu fünf Jahre Haft. Doch nicht nur die Fälscher können nun bestraft werden, Der „wissentliche Gebrauch eines falschen Testnachweises mit dem Zweck der Täuschung“ sorgt ebenfalls für eine Strafe. „Wer zur Täuschung im Rechtsverkehr von einem Gesundheitszeugnis der in den §§ 277 und 278 bezeichneten Art Gebrauch macht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft, wenn die Tat nicht in anderen Vorschriften dieses Abschnitts mit schwererer Strafe bedroht ist.“ heißt es in §279 StGB.

Nun können schwarze Schafe aus dem Verkehr gezogen werden – und der teure falsche Impfausweis kann belangt werden. Dabei gibt es die Impfung doch umsonst...

EXTRA INFO: Gefälschte Impfausweise: Das sagt die Polizei

Der hessischen Polizei sind im Zusammenhang mit gefälschten Impfpässen / Impfausweisen bislang Sachverhalte im unteren dreistelligen Bereich bekannt und eine Fallzunahme ist seit der erstmaligen Einführung der 3G-Regelung zu erkennen.
Die Fälle von gefälschten Impfpässen werden häufig im Rahmen von vorgenannten Kontrollen, als Zufallsfunde bei anderen Ermittlungsverfahren oder über Anzeigenerstattung durch Bürger bekannt. Beispielhaft lässt sich hier auch die Mitteilung von Apotheken anführen, die bei Vorlage eines gefälschten Impfpasses die Polizei alarmieren. Die in Stadt und Landkreis Kassel erstatteten Anzeigen werden von der Polizei grundsätzlich der Staatsanwaltschaft Kassel vorgelegt. Ob und welche Straftatbestände hier erfüllt sind, prüft diese. Grundsätzlich könnten bei gefälschten Impfausweisen / Impfpässen / QR-Codes mit Corona-Impfungen u.a. die Straftatbestände der § 277 StGB Fälschung von Gesundheitszeugnissen, § 278 StGB Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse sowie § 279 StGB Gebrauch unrichtiger Gesundheitszeugnisse in Betracht kommen.

Hinweis: In der Printversion war noch die Rede von der Gesetzeslücke und keiner Strafbarkeit falscher Impfausweise. Der Gesetzgeber hat erst kürzlich die Strafvorschriften in Bezug auf das Fälschen und Verfälschen bzw. des Gebrauches eines unrichtigen Gesundheitszeugnisses, wie im vorliegenden Fall eines Impfausweises, ergänzt. Es handelt sich also durchaus nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um eine Straftat, die durch die Ermittlungsbehörden konsequent verfolgt wird und die mit empfindlichen Strafen belegt ist.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

Kasseler Uni-Gebäude geräumt: Bombendrohung gegen Stadtverordnetenversammlung
Kassel

Kasseler Uni-Gebäude geräumt: Bombendrohung gegen Stadtverordnetenversammlung

Ob die E-mail wirklich von Anhängern der Querdenker und Gegner der Corona-Maßnahmen verschickt worden ist, ist unklar.
Kasseler Uni-Gebäude geräumt: Bombendrohung gegen Stadtverordnetenversammlung
Nach Einbruch in Gaststätte: Betrunkener Täter macht es sich mit erbeutetem Wein in Gartenlaube gemütlich
Kassel

Nach Einbruch in Gaststätte: Betrunkener Täter macht es sich mit erbeutetem Wein in Gartenlaube gemütlich

Ein Atemalkoholtest ergab, dass der Einbrecher rund 2 Promille intus hatte.
Nach Einbruch in Gaststätte: Betrunkener Täter macht es sich mit erbeutetem Wein in Gartenlaube gemütlich
Bachelor-Kandidatin Franziska Temme aus Kassel wirbt für Neonazi-Marke: „War ein großer Fehler“
Kassel

Bachelor-Kandidatin Franziska Temme aus Kassel wirbt für Neonazi-Marke: „War ein großer Fehler“

Bei RTL sucht sie ab Mittwoch ihren Traummann, doch schon vor der ersten Sendung gibt es Wirbel um die Kasseler Bachelor-Kandidatin Franziska Temme. Diese hatte mit …
Bachelor-Kandidatin Franziska Temme aus Kassel wirbt für Neonazi-Marke: „War ein großer Fehler“
Sperrung ab Donnerstag: Vorarbeiten für Großbaustelle an den „Drei Brücken“ beginnen
Kassel

Sperrung ab Donnerstag: Vorarbeiten für Großbaustelle an den „Drei Brücken“ beginnen

Für die Erneuerung der „Drei Brücken“ über die Wolfhager Straße in Kassel wird es erstmals am Donnerstag zu deutlichen Einschränkungen im Verkehrsablauf kommen.
Sperrung ab Donnerstag: Vorarbeiten für Großbaustelle an den „Drei Brücken“ beginnen

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.