Auswirkungen Coronavirus: Weniger Lebensmittel für Kasseler Tafel

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Wegen des Coronavirus haben sich viele Kasseler mit Lebensmitteln bevorratet. Die Auswirkungen dessen sind auch bei der Tafel spürbar.

Aufgrund des Coronavirus haben zahllose Bürger damit begonnen, sich mit Lebensmitteln zu bevorraten, auch in Kassel. Die Folge: die Kasseler Tafel erhält weniger Waren für die Bedürftigen. Immer mehr Tafeln in Deutschland schließen derzeit.

Kassel. Desinfektionsmittel, Nudelpackungen oder Konserven – Ob Kunden diese Produkte in Drogerien oder Supermärkten vorfinden, ist derzeit nicht garantiert. Aus Angst vor dem Coronavirus legen zahllose Bürger Vorräte an, auch in Kassel leerten sich die Regale kürzlich sichtbar. Die werden nach der ersten Welle an Panikkäufen zwar langsam wieder aufgestockt, die gesteigerten Lebensmittelkäufe haben jedoch größere Auswirkungen als leere Supermarktregale:

„Seit 14 Tagen bekommen wir eindeutig weniger Waren für unsere Kunden“, sagt Hans-Joachim Noll, Vorsitzender der Kasseler Tafel in der Holländischen Straße. Überraschend ist, dass der Rückgang der Lebensmittelspenden nicht im Bereich der haltbaren Erzeugnisse, sondern bei der Frischware zu erkennen ist. „Milchprodukte sind in den Märkten aufgekauft worden und beim Verteilen haben wir deutlich gemerkt, dass auch weniger Obst und Gemüse bei uns angekommen ist“, erklärt Hans-Joachim Noll. Das Trockenlager der Tafel ist glücklicher Weise aber gut mit haltbaren Lebensmitteln für die Bedürftigen gefüllt.

Rund 140 Helfende sind bei der Kasseler Tafel in fünf Schichten pro Woche im Einsatz. Sorgfältig sortierte und hygienisch einwandfreie Lebensmittel geben die Mitarbeitenden an bis zu 125 Bedürftige pro Tag aus. Damit alles ohne Gedränge abläuft, kommen die Kunden zu festen Zeiten zur Abholung und je nach Menge der Spenden werden die Waren gerecht verteilt. Die Kasseler Tafel sei aber kein Vollversorger, wie der Vorsitzende betont.

Blickt gelassen aber aufmerksam in die Zukunft: Hans-Joachim Noll, Vorsitzender Tafel Kassel e.V.

„Wenn fernab der Panikkäufe beispielsweise wenig Joghurt vorhanden ist, muss sonst auch darauf geachtet werden, wo viel und wo wenig ausgegeben werden kann“, sagt der 78-Jährige. Durch die erhöhten Vorratskäufe in den Supermärkten ist die Lebensmittelausgabe bei der Kasseler Tafel in den vergangenen Tagen knapper ausgefallen, die Lage normalisiere sich derzeit aber wieder. „Trotzdem müssen Überlegungen getroffen werden, wie wir uns auf Coronafälle in Kassel vorbereiten können“, erzählt Hans-Joachim Noll und ergänzt, dass bereits einige Schutzmaßnahmen ergriffen werden.

So wurden Hygieneinformationen der Bundestafel für Mitarbeitende und Kunden in der Kasseler Tafel aufgehangen und eine Telefonhotline zur internen Absprache eingerichtet. Die Flächen, die die Lebensmittel berühren, werden abends gründlich desinfiziert. Fenster, Türgriffe und Toiletten sogar mehrfach am Tag. Die Helfenden geben die Waren weiterhin nur mit Handschuhen aus und sind dazu angehalten, sich oft die Hände mit Seife zu waschen. Als zusätzliche Maßnahme werden nach jeder Nutzung auch die drei Fahrzeuge der Tafel desinfiziert. In die Zukunft blickt der Vorsitzende der Tafel gelassen aber aufmerksam. Man sei sich der Situation bewusst, müsse prinzipiell aber Ruhe bewahren.

„Je nachdem wie sich die Ausbreitung des Coronavirus entwickelt, ergeben sich weitere Planungen für uns in Abstimmung mit der Bundestafel und den anderen Tafeln“, bekräftigt Hans-Joachim Noll. Sollte sich die Lage zuspitzen, schlägt die Bundestafel eine Entzerrung des Kundenaufkommens vor. Werden in einer halben Stunden aktuell 25 Kunden bedient, müsste diese Anzahl verringert werden. Das würde aber erheblich in den durchgeplanten Ablauf eingreifen und die Lebensmittelausgabe könnte bis nachmittags dauern.

Pressemitteilung der Tafel Deutschland e.V.:

Tafeln schließen wegen der Ausbreitung des Coronavirus und rufen zur Solidarität in der Bevölkerung und Unterstützung durch die Politik auf - Großteil der Ehrenamtlichen gehört zur Risikogruppe

Die Ausbreitung des Coronavirus wird auch für die Tafeln in Deutschland zur Herausforderung und führt zu immer mehr Tafel-Schließungen im ganzen Land. Um die 1,6 Millionen bedürftigen Tafel-Nutzerinnen und -Nutzer jetzt nicht alleine zu lassen, ruft die Organisation zu einer Welle der Solidarität auf. Von der Politik erwarten die Tafeln finanzielle Unterstützung. In den Tafeln kommen viele Menschen in teils engen Räumen zusammen. Besonders herausfordernd ist es für die Tafeln, dass rund 90 Prozent der 60.000 Ehrenamtlichen zu den lebensälteren Menschen und damit zur schützenswerten Gruppe gehören. Etwa 30 Tafeln haben daher bereits ihre Lebensmittelausgabe vorübergehend eingestellt (Stand 13.03., 13.30 Uhr).

„Unsere 949 Mitgliedstafeln stehen vor der schweren Herausforderung, wie sie Ehrenamtliche sowie Kundinnen und Kunden vor einer Ansteckung mit dem Virus schützen und zugleich die 1,6 Millionen Tafel-Nutzerinnen und -Nutzer weiter unterstützen können. Denn Tafeln sind keine Vergnügungsangebote wie Fußballspiele. Die Menschen, die zu uns kommen, brauchen die Unterstützung. Doch genau die kann jetzt auch zur Gefahr für die Gesundheit werden“, sagt Jochen Brühl. An die Bevölkerung und Politik wendet er sich mit einem Appell:

„Die Tafel-Arbeit wird von älteren Menschen getragen. Jeden Tag leisten sie freiwillig körperlich und psychisch anspruchsvolle Hilfe und einen wertvollen Dienst an der Gesellschaft. Männer und Frauen im Rentenalter schleppen, säubern und sortieren nicht nur die Lebensmittel, sondern wenden sich unseren Kundinnen und Kunden zu. Diese sind oftmals einsam und ausgegrenzt. Jetzt brauchen die helfenden Lebensalten unseren Schutz, unsere Solidarität und Unterstützung. Ich möchte jüngere Menschen motivieren, die kurzfristig auftretende Lücke der Hilfe zu füllen und sich zu engagieren“, sagt Jochen Brühl.

Tafeln könnten beispielsweise Unterstützung brauchen, um Lieferdienste einzurichten oder auszuweiten sowie Lebensmittel in Tüten oder Pakete zu packen und im Hof unter freiem Himmel auszugeben. Es seien jetzt kreative Lösungen gefragt, um Sozialkontakte bei der Lebensmittelausgabe so weit wie möglich zu reduzieren. Nach wie vor bekommen Tafeln zum Teil deutlich weniger Lebensmittel gespendet. Noch immer scheinen sich die Vorratskäufe der Menschen auszuwirken.

Für die Tafeln bedeuten Schließungen auch wirtschaftliche Probleme, denn sie finanzieren sich neben Spenden über die (symbolischen) Beträge, die Nutzerinnen und Nutzer für die Lebensmittel zahlen. Auch wenn die Tafeln geschlossen haben, laufen Kosten wie Miete für Ausgabestellen und Lager, Versicherung für die Fahrzeuge etc. weiter. „Wir erwarten, dass die Politik unsere gemeinnützige Organisation jetzt unterstützt, um langfristige Schließungen der Tafeln zu verhindern“, so Jochen Brühl.

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