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Auf dem Weg in die Kreislaufwirtschaft

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Von: Karsten Knödl

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Auftaktveranstaltung zur Baustoff- und Materialbörse
Auftaktveranstaltung zur Baustoff- und Materialbörse im Science-Park der Universität Kassel: (v.l.) Stadtbaurat Christof Nolda, Dirk Röth (Geschäftsführer der BAUREKA Baustoff-Recycling GmbH), Ute Dechantsreiter (Vorsitzende Bundesverband bauteilnetz Deutschland e.V.), Hans G. Weishaar (InRessBau) und Jens Steuber (Materialverteilung Kassel e.V.). © Fischer

Baustoff- und Materialbörse für Kassel

Kassel Wie gelingt bei Bauprojekten Türen, Fenster oder Mauerwerke wiederzuverwenden anstatt sie als Bauschutt zu deponieren? Wie können Baustoffe recycelt werden und so bspw. als Straßenbelag ein neues Leben erhalten? Was braucht es, damit ein Markt und Handelsplatz für Wiederverwendung und Wiederverwertung entsteht? Fragen wie diese wurden am 17. November bei einer Auftaktveranstaltung zur „Baustoff- und Materialbörse“ im Science Park diskutiert.

Rund 80 Interessierte und Fachleute folgten der Einladung des Innovationsnetzwerks Ressourceneffizientes Bauen (InRessBau) der Universität Kassel und der Stadt Kassel. „Ich bin sehr dankbar für die Initiative des Klimaschutzrats und das Mandat der Stadtverordnetenversammlung, eine Baustoff- und Materialbörse in Kassel zu errichten“, so Stadtbaurat Christof Nolda. „Der heutige Auftakt zeigt, wie breit und fachkundig die Kasseler Stadtgesellschaft und Industrie bereits aufgestellt sind. Jetzt gilt es, die Kräfte in einem koordinierten Prozess zu bündeln. Ich freue mich, dass InRessBau dafür bereits einen ambitionierten Aufschlag gemacht hat.“

Der Baubereich ist in Deutschland verantwortlich für rund 40 Prozent der CO2-Emissionen und rund 55 Prozent des Abfallaufkommens – und somit auch entscheidend für die Erreichung von Kassels Klimaneutralität bis 2030. Bei der Veranstaltung wurde deutlich, dass es im Kern um drei Nutzungsanforderungen geht:

Eine Bauteilbörse als Einzelhandelsplatz, der sich an Privatleute richtet, die bspw. ihr Haus sanieren, eine Bauteil- und Baustoffbörse als (digitaler) Großhandelsplatz, für Baugewerbe und –Industrie, die hier größere Mengen abnehmen können und somit neue Baustoffe einsparen sowie ein Recycling- bzw. Upcycling-Marktplatz für Ersatzbaustoffe, der sich ebenfalls v.a. an die Industrie richtet.

„Kreisläufe im Bauwesen funktionieren nur, wenn alle umdenken und mitmachen“, resümierte die Vorsitzende des Bundesverbrand bauteilnetz Deutschland e.V. Ute Dechantsreiter in ihrem Impulsvortrag. Sie berichtete zudem aus der Praxis der von ihr initiierten Bauteilbörse Bremen und über Erfahrungen zu den Geschäftsmodellen. Es würde helfen, wenn der zerstörungsfreie Rückbau vorgeschrieben würde und die öffentliche Hand insbesondere die Aufbauphase der Bauteilbörse fördere. Weiterhin sei wichtig, die entstehenden Arbeitsplätze langfristig abzusichern, um Personalfluktuation zu vermeiden.

Hinter diesen Ideen steht auch Jens Steuber von dem Materialverteilung Kassel e.V., dessen Bauteilbörse sich an Privatleute richtet. Das Projekt wird von der Stadt über das Beschäftigungsprogramm „GaLaMa“ gefördert. Jens Steuber betonte, dass dieser Einzelhandelsplatz auch ein Ort der Begegnung und Wertschätzung für einen respektvollen Umgang mit Mensch und Material sei. An diesem Ort der sozialen und ökologischen Verteilungskultur könnten sich Werkstätten und Repair-Cafés ansiedeln sowie Veranstaltungen stattfinden.

Veranstalter Hans-Georg Weishaar von der InRessBau und Mitglied er Themenwerkstatt Abfall und Konsum des Klimaschutzrats ging auf die ganzheitliche Betrachtung von Bauprozess und Lebenszyklen ein: „Mit dem Sammeln von wiederverwendbaren Bauteilen ist es nicht getan. Es bedarf einer veränderten Planungskultur, welche nur mit den notwendigen digitalen Werkzeugen erfolgreich umsetzbar sein kann. Dazu gehören Gebäude- und Materialpässe, klare Rückbaukonzepte und ein digitaler Marktplatz als planbarer Bauteilpool.“

Daher werde ein Arbeitsschwerpunkt der kommenden Monate eine digitale Bauteilerfassung sein, um frühzeitig Abriss- und Rückbauobjekte zu erfassen. Bauteile und -materialien sollen so für eine Wiederverwendung in einen praxistauglichen Vermittlungsprozess integriert werden. „Effektiver Klimaschutz gelingt nur durch regionale Kreisläufe, um mit minimiertem Transportaufwand Bauteile von Bauvorhaben A zu Bauvorhaben B zu vermitteln“, so Weishaar. Nur dadurch könnten die Einsparpotentiale und CO2-Emissionen massiv reduziert werden.

Dirk Röth, Geschäftsführer der BAUREKA Baustoff-Recycling GmbH, ergänzt: „Ist im Rahmen der Erstellung des Rückbaukonzeptes keine Wiederverwendung möglich, liegt der Schlüssel zur besseren Verwertung in der Qualität des Rückbaus. Hier muss bereits sortenrein getrennt werden.“ Die Verantwortung für den Rückbau sollte bei einem „Abfallkoordinator“ liegen. Die Novelle der Gewerbeabfallverordnung und die Einführung der Ersatzbaustoffverordnung, welche ab August 2023, rechtswirksam werden, seien potenziell sinnvoll, bergen jedoch bei schlechter Umsetzung die Gefahr, dass am Ende weniger Baustoffe recycelt werden.

Die Veranstaltung zur Baustoffbörse war nur der Auftakt für den weiteren Prozess der vom Innovationsnetzwerk Ressourceneffizientes Bauen geplant wird. Interessierte an dem Prozess können unter https://inressbau.org/baustoff-und-materialboerse-fuer-kassel-nachlese-zum-infoabend-am-17-11-2022 an einer Umfrage teilnehmen und ihre E-Mailadresse für die Mitarbeit bzw. weitere Informationen zum Prozess hinterlegen.

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