"Beckmann bringt's": Von Hartz IV zum Frühstückslieferdienst

In aller Herrgottsfrühe unterwegs: Mit mittlerweile fünf PKWs liefern Reinhold Beckmann und seine Kollegen das bestellte Frühstück bis über die Ortsgrenzen Kassels hinaus. Fotos: Paul

Eine Kasseler Erfolgsgeschichte: Nachdem ihm geraten wurde in Rente zu gehen und Hartz IV zu beziehen, machte sich Reinhold Beckmann selbstständig.

Kassel. "Man kann mit Brötchen nichts verdienen, in ihrer Lage würde ich das Risiko nicht eingehen". Davon war Reinhold Beckmanns Berater im Kasseler Jobcenter überzeugt, als dieser ihm von seiner Idee berichtete. Nachdem Beckmann aufgrund schwerer Allergien vor rund zwei Jahren seinen Beruf als Bäcker aufgeben musste, wurde ihm vom Amt geraten, in Frührente zu gehen und Hartz IV zu beziehen.

Mit gerade mal 50 Jahren in Rente zu gehen kam für Beckmann jedoch nicht in Frage: "Ich konnte mir nicht vorstellen, für den Rest meines Lebens auf der faulen Haut zu liegen". So stellte der gelernte Bäcker innerhalb einiger Wochen einen Geschäftsplan für einen Frühstücksbringdienst auf – mit sämtlichen Kalkulationen und der Selbstständigkeit vor Augen.

Als er den ausgefeilten Geschäftsplan schließlich im Jobcenter vorlegte, um Fördergelder zu beantragen, stieß er jedoch auf Ablehnung. "Die haben nicht an meine Idee geglaubt, denen wäre es am liebsten gewesen, ich hätte mich mit Hartz IV zufrieden gegeben", so Beckmann. Doch der heute 53-Jährige gab den Glauben an seinen Frühstücksbringdienst nicht auf und kämpfte weiter für seine Geschäftsidee.

Von der Industrie- und Handelskammer (IHK) wurde er schließlich bestärkt. Seine Kalkulationen seien realistisch, man würde hier an ihn glauben und fördern wollen, hieß es. Auch Freunde und Bekannte unterstützen Reinhold Beckmann und seine Frau Anke von nun an. "Ohne Ralf Döhne von unserer Partnerbäckerei Döhne in Baunatal hätten wir das nie geschafft. Er und auch unser Steuerberater haben zunächst auf ihr Geld verzichtet, um uns zu unterstützen. Dafür sind wir sehr dankbar", so die Beckmanns, die ihren Lebensunterhalt in den ersten Geschäftsmonaten mit nur 100 Euro im Monat bestreiten mussten: "Wir haben uns fast nur von Wasser und Brot ernährt", berichtet Anke Beckmann kopfschüttelnd.

Heute, nur gut zwei Jahre später, hat der Brötchenbringdienst "Beckmann bringt’s" rund 1850 aktive Kunden in seiner Kartei, die sich mehr und weniger regelmäßig ihr Frühstück zur Tür liefern lassen – darunter Privatleute, aber auch Firmen und Schulen. Mittlerweile betreiben die Beckamnns sogar eine Firmenkantine in Kassel und bieten einen Cateringservice für Veranstaltungen an.

"Wir sind seitdem ständig gewachsen, das Angebot wurde größer und immer mehr Kunden kamen hinzu. Alleine schaffen wir das schon lang nicht mehr", erzählt Reinhold Beckmann. Sieben Fahrer beschäftigt der Kasseler derzeit auf Minijobbasis und fährt gelegentlich auch selbst Brötchen und andere Leckereien aus. Egal ob frische Eier, Säfte, Wurst und Käse – alles, was zu einem gelungenen Früshtück dazu gehört, kann man sich liefern lassen. "Wir sind aber auch für besondere Wünsche offen, liefern zum Beispiel Geburtstagskuchen, Grußkarten oder Blumen dazu, wenn unsere Kunden das wollen", erklärt Anke Beckmann das allumfassende Geschäftsmodell.

Und der Service scheint bei den Kunden gut anzukommen: "Wir haben sogar einen Kunden in den USA, der seinen Eltern in Stauffenberg regelmäßig Frühstück liefern lässt. Das ist schon verrückt", berichtet das Paar. Noch in diesem Jahr wollen sie weiter expandieren – unter anderem soll ein Verkaufswagen angeschafft werden. Auf Hartz IV sind sie jedenfalls nicht mehr angewiesen.

Weitere Informationen unter beckmann-bringts.de

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