Behördenpost zu lahm für Corona-Quarantäne

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Behördenpost zu lahm für Quarantäne

Ämter fordern Kontaktperson auf, 14 Tage zu Hause zu bleiben - viel zu spät aber rückwirkend!

Kassel. Erinnern Sie sich noch? Damals, vor Corona, als man über die langsamen Amtsmühlen Witze gemacht hat? Vielen Menschen ist mittlerweile das Lachen darüber vergangen, vor allem, wenn sie selbst „dank Corona“ in die schwerfällige Bürokratie geraten. Wie zum Beispiel Bettina A. (Name geändert) aus Kassel. Die junge Frau fand am vergangenen Montag, 9. November, ein offizielles Schreiben der Stadt Kassel beziehungsweise des Gesundheitsamtes Region Kassel in ihrem Briefkasten, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass in ihrem Umfeld eine Person positiv auf das SARS-Cov-2-Virus getestet wurde. Ab „sofort“ gelte für sie „eine behördlich angeordnete Quarantänemaßnahme“ von 14 Tagen, „dies betrifft den Zeitraum vom 28. Oktober bis einschließlich 10. November.“

„Nach dem ersten Schreck habe ich den Brief zusammen mit meinem Mann noch einmal in Ruhe gelesen“, so Bettina A. Was aber nichts am vorgeschriebenen „sogar fett gedruckten“ Quarantänezeitraum änderte. Noch skurriler wurde die Angelegenheit, als die Beiden feststellten, dass das Schreiben mit 4. November datiert ist und der Umschlag den Poststempel vom 6. November trägt. „Wenn es nicht so einen ernsten Hintergrund hätte, könnte man ja drüber lachen. Da ich keine Zeitmaschine habe, lassen sich zwei Tage Quarantäne doch locker mal aushalten“, so die 27-Jährige, die betont, zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Krankheitssymptome verspürt zu haben. Allerdings stellt sie sich die Frage, wie viele Menschen sie im Ernstfall seit dem 28. Oktober hätte gefährden können.

Anhand des Datums und eigener Recherchen in ihrem Umfeld ahnt Bettina A. mittlerweile auch, worauf die Anordnung wohl zurückzuführen ist. Was allerdings gleich eine weitere Frage aufwirft, stehe sie doch in keiner Verbindung mit der betroffenen Person und habe somit auch nie Kontakt mit ihr gehabt. „Ich war noch nicht mal räumlich dort!“

Ordnungsamt legt noch einen drauf 

Doch wenn ein Amt mal ins Rollen kommt, wollen andere nicht zurückstehen. „Der fachlichen Bewertung des Infektionsrisikos schließen wir uns an“, unterstreicht das Kasseler Ordnungsamt sein geballtes virologisches Fachwissen in einem Schreiben gleich zwei Mal und bestätigt auch den Quarantäne-Zeitraum. Auf fünf Seiten liest man anschließend viele Sätze mit „wird angeordnet“, „Sie haben unverzüglich“, „Sie müssen“ und auch der Hinweis auf Geldbuße bzw. Gefängnis fehlt nicht. Der Brief endet versöhnlich mit - handschriftlich unterschriebenen - freundlichen Grüßen. Die „Förmliche Zustellung“ der Anordnung erfolgte dann am Nachmittag des 11. November!!

„Wow, immerhin nur einen Tag zu spät“ staunt Bettina A., der Angst und Bange wird, sollte sie mal im „Ernstfall“ in diese Behördenmühlen geraten. Gesundheitsämter an Belastungsgrenzen Die Erfahrung der Kasselerin scheint kein Einzelfall zu sein. Weil die Zahl der Corona-Infizierten immer weiter steigt, stoßen mehr und mehr Behörden an ihre Kapazitätsgrenze. Laut vertraulicher „Covid-19 Lage“ der Bundesregierung - so dpa - sei jedes 10. Gesundheitsamt in Kürze oder bereits jetzt überlastet. Vielerorts käme man mit der Verfolgung von Kontakten von Corona-Infizierten nicht mehr hinterher. In Corona-Hotspots fände die Nachverfolgung möglicher Infizierter teilweise gar nicht mehr statt. In Berlin z. B. würden 94 Prozent der Infektionsketten nicht mehr aufgeklärt. "Die Ämter sind oftmals zu spät dran oder reagieren nur unzureichend“.

Wie auch bei Bettina A. Sie kann über die rückwärtig doppelt angeordnete Quarantäne mittlerweile schmunzeln. Und auch ihr Arbeitgeber freute sich, nur zwei Tage auf sie verzichten zu müssen. Denn an die behördliche Anordnung, zuhause zu bleiben, hat sich die 27-Jährige natürlich gehalten. „Ich bin nur täglich eine Stunde im Garten im Kreis gegangen; Inhaftierte dürfen ja auch zum Hofgang.“

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