Bestem Bau-Gesellen droht Abschiebung

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Shahzad Ahmad Safi schloss die Gesellenprüfungen der Bau Innungen Kassel und Schwalm-Eder schloss als Bester ab.

Nach gelungener Ausbildung: Junger Afghane mit Arbeitsvertrag wartet auf Entscheidung der Behörden.

Kassel. „Wir schaffen das!“ Fünf Jahre ist es her, dass diese drei Worte in einer Pressekonferenz der Bundeskanzlerin fielen. Ein paar Tage später, in der Nacht vom 4. auf den 5. September, traf die Regierung Angela Merkel dann ihre bislang wohl umstrittenste Entscheidung - die Grenze offen zu halten für Flüchtlinge, die über die Balkanroute nach Europa drängen. In der Rückschau wird klar, dass es mit den Flüchtlingen keineswegs so gut lief, wie erhofft; dass sie nicht die Basis legten für ein zweites deutsches Wirtschaftswunder, dass die Einwanderung meistens in die Sozialsysteme stattfand. Darüber wird allzu leicht vergessen, dass es auch viele positive Geschichten gibt. Wie die von Shahzad Ahmad Safi. Er hat es „geschafft“! Bei der gemeinsamen Gesellenfreisprechungsfeier der Bau Innungen Kassel und Schwalm-Eder wurde der junge Mann aus Afghanistan jetzt als bester Auszubildender beider Innungen ausgezeichnet. Als Angela Merkel ihre legendären drei Worte aussprach, war Shahzad Ahmad Safi bereits ein Jahr in Deutschland. Über München gelangte er ins „Ankunftszentrum Gießen“, hier durchlief er die verschiedenen Stationen vom Flüchtling zum Asylbewerber, bevor er dann Kassel zugewiesen wurde. „Ich konnte damals kein Wort Deutsch. Englisch ja, aber Deutsch war mir völlig fremd“, erzählt der mittlerweile 32-Jährige. Kaum zu glauben, wenn man sich heute mit ihm unterhält: vom Wortschatz und der Beherrschung der Sprache könnte sich so mancher gebürtige Deutsche eine Scheibe abschneiden. Shahzad Ahmad Safi freut sich über das Kompliment, gibt es aber gleich an diejenigen Menschen weiter, die ihm den Einstieg in den deutschen Alltag erleichtert haben - in Deutschkursen und bei der Arbeit. Um die durfte sich der junge Mann kümmern, sah das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in seinem Falle doch eine gute Bleibeperspektive. Ein Praktikum als Bauhelfer bei der Niestetaler Bauunternehmung Andreas Ulrich GmbH erwies sich als Glücksfall. „Wenn Du in unserem Bereich weiter kommen willst, musst Du eine richtige Ausbildung machen, hat man mir dort immer wieder erzählt. Und mir dann die Frage gestellt: willst Du?“, berichtet Shahzad Ahmad Safi. Natürlich wollte er! Das Vertrauen seines Arbeitgebers und seiner Ausbilder in sein Können und seine Fähigkeiten hat er nun nach drei Jahren Ausbildung mit seiner Leistung in der Gesellenprüfung bestätigt: In der praktischen Prüfung holte er eine glatte Eins, in der Theorie gab‘s eine Zwei.

Lehrzeit beendet, Arbeitsvertrag unterzeichnet 

Jetzt möchte der 32-Jährige natürlich „weiter kommen auf dem Bau“. Dafür hat er bereits einen unterschriebenen Arbeitsvertrag mit einem anderen Innungsbetrieb in der Tasche. Einziges Problem: die Behörden müssen mitspielen. In Kurzversion: Als „geduldeter Ausländer“ hat der junge Afghane nach seinem erfolgreichem Abschluss einer qualifizierten Berufsausbildung einen „Anspruch auf die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis für eine der erworbenen beruflichen Qualifikation entsprechenden Beschäftigung, wenn die Voraussetzungen vorliegen“. Doch bevor das Amt den Sachverhalt nicht geprüft hat, dürfen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ihren Vertrag nicht mit Leben füllen. Jetzt setzt die Innung auf einen möglichst schnellen und positiven Bescheid der zuständigen Behörde.

„Viele unserer Betriebe suchen ebenso intensiv wie erfolglos nach Lehrlingen und Fachkräften. Sie sind daher gerne bereit, sich Asylanten und anderen Flüchtlingen zu widmen und sie mit den Berufsanforderungen vertraut zu machen“, unterstreicht Andreas Lieberknecht, Geschäftsführer des Verbands Baugewerblicher Unternehmer Hessen e. V.. Firmen wie Flüchtlinge bräuchten jedoch die sichere Perspektive eines Bleiberechts. „Wenn den Zuwanderern direkt nach Abschluss der Lehre oder auch nur in den folgenden zwei Jahren die Abschiebung droht, übernehmen natürlich deutlich weniger Betriebe diese sicher nicht ganz einfache Aufgabe“. Gerade das Bauhandwerk habe tausendfache Integrationserfahrungen und damit bewiesen, dass der Satz aus der Imagekampagne des Handwerks „Für uns zählt nicht, wo jemand herkommt, sondern wo er hin will“ für diese Branche ganz besonders gelte.

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