Auf ein Bier: Waltraud Feiker (76) steht noch immer am Zapfhahn

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Seit 66 Jahren steht Waltraud Feiker hinterm Tresen der Gaststätte "Zum Osterholz" in Bettenhausen. Noch macht sie weiter. Doch die Zeiten sind hart.

Kassel. Es ist kurz nach fünf am Montagabend, Regen prasselt gegen die Scheiben. Kein gutes Wetter für große Hoffnungen. "Mal sehen, ob trotzdem einer kommt”, sagt Waltraud Feiker und streicht mit der Hand über die Spitzentischdecke. 76 Jahre ist sie alt. Fast ihr ganzes Leben hat sie in der Gaststätte "Zum Osterholz” in der Heiligenröder Straße 140 verbracht; gezapft, Essen gekocht, rauschende Feste gefeiert. Doch diese  Zeiten sind vorbei. "An manchen Abenden kommt kein einziger Gast. Das ist schon deprimierend”,  sagt Waltraud Feiker.

Ein Kulturgut verschwindet

Ein Schicksal, das sie mit anderen Wirten teilt. Laut  Deutschem Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) existieren in Hessen nur noch rund 1.800 Gasthäuser, Dorfgaststätten und Kneipen; 2002 waren es noch knapp 3.000 Betriebe. Bis zum Jahr 2020 rechnet die Dehoga mit einem Rückgang von weiteren 40 Prozent. "Die jungen Leute, die trinken doch ihr Bier nicht mehr in der Wirtschaft.  Früher war das anders”,  erinnert sich Waltraud Feiker, die mit zehn Jahren das erste Herrengedeck servierte. Die Eltern hatten den Betrieb 1949 übernommen; als einziges Kind muss Waltraud Feiker mithelfen.

Erster Fernsprecher im Ortsteil

Am Anfang ist es der Fernsprecher, der die Nachbarschaft in die Gaststätte lockt, später der Fernseher: Die ganze Eichwald-Siedlung kommt zusammen, um die Fußball-Weltmeisterschaft oder Shows mit Peter Frankenfeld zu gucken. "Die Familien kamen mit Broten. Die Bude war voll”, erinnert sich Waltraud Feiker. Nach und nach wird die Gaststätte zum Vereinsheim. Der Lotterie-Club Eichwald oder der Fußballklub FC Victoria kommen regelmäßig, auswärtige Spieler duschen in der Waschküche.   Die Pokale stehen noch heute in der Vitrine hinter der Theke, Fotos und Wimpel hängen über der Wandvertäfelung. Auch in den 70er Jahren läuft die Kneipe gut. "Ganze Busladungen voll Gäste kamen hier an. Das war eine schöne Zeit”, sagt Waltraud Feiker.  Nicht nur das Rauchverbot habe die Gastwirtschaft als sozialen Treffpunkt kaputt gemacht.  "Heute gucken alle nur noch auf ihr Handy.  Geschnuddelt wird doch kaum noch”, meint Waltraud Feiker.

Vereine halten die Treue

An manchen Abenden ist die Gaststätte auch heute noch voll. Die Fußballer des VFB Bettenhausen kommen ebenso regelmäßig wie der Skatverein, die Doppelkopfrunde oder der Senioren-Stammtisch. Um finanziell über die Runden zu kommen, reicht das nicht. Was fehlt sind junge Menschen. In Berlin-Mitte mögen Kneipen im Retro-Stil  hip sein. In Bettenhausen sind Linoleum-Boden, braune Tische und Trinksprüche  an der Wand dann doch ein bisschen zu authentisch. Manchmal kommt ein Gast des gegenüberliegenden Hotels vorbei. "Aber mehr als ein, zwei Bier trinkt ja kaum einer”, sagt Waltraud Feiker.  Daran ändert auch der Preis von  1,20 Euro für das Frischgezapfte nichts.

Ihr Mann Willi rät ihr vor seinem Tod, die Gaststätte zu schließen und sich ein schönes Leben zu machen. Aber  Waltraud Feiker macht weiter. "Müßiggang ist aller Laster Anfang”, habe ihr Vater stets gesagt.  Fünf Tage die Woche steht die Rentnerin ab 17 Uhr hinterm Tresen, manchmal bis 2 Uhr , ihre beiden Töchter unterstützen sie.   "Ich mache  so lange, wie es geht”, sagt sie. Leben könnte sie ohnehin nicht von den Einnahmen. "Es ist eher ein Hobby”, sagt Waltraud Feiker.Wer den Familienbetrieb einmal weiterführt, weiß sie nicht. Und so schließt sie auch nächste Woche auf und wartet. "Wenn einer kommt, muss ja offen sein”, sagt Waltraud Feiker.

+++ EXTRA INFO: Dehoga warnt vor dem Tod eines Kulturgutes +++

Der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Hessen warnt seit langem vor  einem Gastshaussterben. Hessen zählt heute rund 1.800 klassische Gaststätten, also Gasthäuser, Dorfgaststätten und Kneipen; ­­2002 waren es noch ca. 3000.  Die Gründe sind vielfältig: Viele kleine Gaststätten finden keine Nachfolger,  weil es einen großen Investitionsstau gibt. Hinzu komme laut Dehoga, dass Gastwirte in den letzten Jahren sich mit einer überbordenden Bürokratie konfrontiert sehen (Hygiene-Ampel, Allergenkennzeichnung); auch das Rauchverbot hat dem Umsatz geschadet. Ein weiterer Faktor, insbesondere auf dem Land, ist der  demografische Wandel; junge Leute ziehen weg, Stammtischler sterben. Durch die Kampagne "Gasthaus trifft Rathaus" will die Dehoga Hessen gemeinsam mit dem Hessischen Tourismusverband sowie dem Städte- und Gemeindebund nach gemeinsamen Lösungsansätzen suchen, um Zukunftsperspektiven für die Branche zu entwickeln.

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