Bischof Prof. Dr. Martin Hein: "Kirchen für Flüchtlinge öffnen"

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Der Winter naht, viele Flüchtlinge sind noch immer in Zelten untergebracht. Bischof Prof. Dr. Martin Hein schlägt deshalb vor, die Kirchen zu öffnen.

Kassel. Welche Rolle spielt die Kirche bei den momentanen Flüchtlingsbewegungen, die die Gemüter der Deutschen aufwühlen? Der EXTRA TIP sprach darüber mit Prof. Dr. Martin Hein, Bischof der evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck.

ET: Noch nie sind soviel Flüchtlinge in so kurzer Zeit nach Deutschland gekommen. Was bedeutet das für die Kirche?Hein: Dieses Phänomen beschäftigt uns täglich. Wir haben schon einige leerstehende Pfarrhäuser zur Verfügung gestellt. Aber das allein hilft nicht. Wenn es nicht besser wird, werden wir im Winter wohl auch geheizte Kirchen und Pfarrzentren für Flüchtlinge zur Verfügung stellen müssen, die sonst bei Frost und Kälte in Zelten leben müssten.

ET: Ist das keine Zumutung für die Gemeindemitglieder?

Hein: Es ist ohne Zweifel eine schwierige Situation. Aber gerade in der Weihnachtsgeschichte erleben wir ja ebenfalls eine Familie, die keine Unterkunft findet. Maria, die Jesus im Stall auf die Welt bringen muss. Diese Situation kann auch eine Chance für unsere Gemeinden werden. Die Menschen müssen näher zusammenrücken.

ET: Was tut die Kirche konkret?Hein: Unsere Kirche hat zum Beispiel in Melsungen ein Begegnungscafé eingerichtet, denn für viele Menschen ist das Flüchtlingproblem bisher ausschließlich ein mediales Ereignis. Im Fernsehen haben sie es gesehen, aber noch nie persönlich mit einem Flüchtling gesprochen. Wir haben jetzt Muslimen angeboten, in unsere Räume zu kommen, wenn sie nichts anderes haben, egal ob es die Kirchen oder Pfarrzentren sind. Wir haben aber auch Bibeln in arabisch bestellt, weil wir danach gefragt wurden. Schließlich sind 20 Prozent der Syrer Christen.

ET: Was ist mit den Muslimen?Hein: Wir haben viele Muslime aus dem türkischen Bereich bei uns, die sich zum Teil bei uns integriert haben. Ich sage zum Teil, weil gerade die Jüngeren – die "Generation Allah” – sich in Teilen radikalisiert. Da müssen wir hinschauen. Jetzt kommen arabische Muslime hinzu. Die müssen die Bedingungen und Möglichkeiten einer Demokratie erst noch lernen. In den Ländern, aus denen die meisten kommen, haben sie das nicht erlebt. Ich möchte dort übrigens nicht leben.

ET: Gewalttätige Deutsche stecken Flüchtlingswohnheime an. Die Kirchen hatten 70 Jahre Zeit, die Menschen auf eine friedliches Miteinander einzustimmen. Haben die Kirchen versagt?Hein: Nein, Im Westen unseres Landes haben wir diese Probleme in der Masse nicht. Die Kirchen haben sich bemüht, ihren Beitrag zu einem friedlichen Miteinander beizutragen. Im Osten hatte die Kirche lange Zeit nicht die Chance, mit den Menschen zu leben. Hinzu kommt eine Verrohung der Sitten, die mir Sorge macht und die insbesondere durch das Internet gefördert wird. Die Bereitschaft, gewalttätig zu werden, ist gestiegen.

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