Böse Menschen singen nicht!

Sehr geehrte Sängerinnen und Sänger des VolkChors Wolfsanger in Kassel,

 am Sonntag habt Ihr Eurer Jubiläum gefeiert. Es war in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche eine wunderbare Veranstaltung zu der auch die Chöre aus Ihringshausen, Grebenstein und Obervorschütz gekommen waren. Für mich war es schon fast ein wenig unwirklich, in dieser entspannten Atmosphäre zu feiern. Schließlich glich die Stadt Kassel am Vortag noch einer belagerten Festung.

 Doch schon die erste Rede zauberte den Alptraum des Vortages wieder herbei. Oberbürgermeister Christian Geselle war gekommen, um zu gratulieren und tat das mit einem Blick ins Gründungsjahr. 1919 sei für die deutschen Demokraten ein schwieriges Jahr gewesen. Die Sozialdemokraten mussten sich richtig was einfallen lassen, um sich unter den strengen Augen des Gesetzes überhaupt treffen zu können. Auch der VolksChor Wolfsanger wurden damals als Arbeitergesangsverein gegründet - eine Tarnorganisation.

Doch dafür gab es gute Gründe. In diesem Jahr wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Freikorps-Soldaten gefoltert und hingerichtet. Der erste Ministerpräsident Bayerns Kurt Eisner wurde von einem völkisch-nationalistischen Studenten erschossen. Der SPD-Vorsitzende Erhard Auer wurde angeschossen, der konservative Abgeordnete Hinrich Osel starb an seinen Schusswunden. Hugo Haase, Vorsitzender der USPD Deutschlands starb in Berlin bei einem Attentat.

 Hundert Jahre später sei die politische Situation in Deutschland wieder brandgefährlich, warnte Geselle und erinnerte an den Mord an dem beliebten Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke durch einen Rechtsradikalen. Er sei froh, dass die Demonstration der Gruppierung „Die Rechte“ in Kassel reibungslos über die Bühne gegangen sei. Stolz zeigte sich Geselle, dass sich soviel Menschen gegen bei Gegendemonstrationen engagiert hätten. Den Sängerinnen und Sängern wünschte er eine schöne Jubiläumsfeiern: „Ich fühle mich wohl bei Ihnen, denn wie heißt es so schön: Wo gesungen wird, da lass Dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder.“

Wenn es danach geht, kommen böse Zeiten auf uns zu. Der stellvertretende Vorsitzende des Mitteldeutschen Sängerbundes, gegründet 1839 in HannMünden, erinnerte bei seinem Grusswort an die Glanzzeiten der Organisation. Zu Spitzenzeiten wurde vor der Orangerie eine Bühne für 600 Sänger aufgebaut. Erwartet wurden 6000 Gäste. Kein Problem. Schließlich gab es um 1900 allein inKassel 4000 aktive Sänger.

 Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass der Gesangverein meines Vaters, fünfzig Mann stark, zu seinem Geburtstag stimmgewaltig auf unserem Hof aktiv wurde. Was für eine Atmosphäre. Heute ist nur noch eine kleine Gruppe übrig geblieben.

 Auch in Nordhessen wird jeden um Sänger geworben. Jede(r) ist gern gesehen. Wie hat doch Wolfsangers Ortsvorsteher Beppo Brehm so schön gesagt: „Unser Volkschor ist so stabil, die können selbst mich verkraften.“ Der VolksChor Wolfsanger hat übrigens auch noch einen Vorsitzenden. Auch das wollen viele nicht mehr machen.

 Mit musikalischen Grüßen

 Rainer Hahne

Chefredakteur

P.s. Auch Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke hat immer gern gesungen. Sein Lieblingslied: Das Waldecker Lied. Das wurde übrigens auch auf seiner Trauerfeier in der Martinskirche von über tausend Menschen gesungen.

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