Die Bombennacht nahm Horst Leises Familie alles Hab und Gut

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Horst Leise ist 93 Jahre alt. Sein Verzicht auf einen Kinobesuch rettete ihm in der Bombennacht das Leben.

Horst Leise war 18 Jahre alt und auf Heimaturlaub in der Stadt. Für den Abend des 22. Oktober hatte er Pläne. Er wollte in die Bürgersäle, hatte einen Kinobesuch geplant. Doch zunächst einmal ging er vom Haus, in dem er mit den Eltern und der zwei Jahre jüngeren Schwester Margot wohnte, in die Stadt zum Friseur.

Kassel. Der Weg war nicht weit – von der Hohenzollernstraße 15 (heute Friedrich-Ebert-Straße) in die Wilhelmsstraße, gegenüber dem Rathaus betrieb sein Patenonkel einen Friseurladen. Frisch frisiert ging es zurück nach Hause, denn ausgehen wollte er in Uniform, weil Soldaten, wenn sie einen Urlaubsschein vorweisen konnten, bevorzugt Eintritt in die Kinos erhielten.

Der Zufall wollte es, dass Horst Leise seine Pläne änderte: Er traf einen Freund, der zwei Tage später wieder an die Front musste: Der wollte lieber am Abend in einer Kneipe einen drauf machen, Horst Leise strich den Kinobesuch, die beiden verabredeten sich für später. Kaum zu Hause angekommen, gab es Fliegeralarm. Vater Jakob, ein Weltkrieg-I-Veteran, der Haus- und Blockwart war, ging mit seinem Sohn und anderen Hausbewohnern vor die Haustür, man beobachtete den wolkenlosen Himmel.

Zunächst blieb alles ruhig, „wir erwarteten Entwarnung“, erinnert er sich. Doch plötzlich fingen Flakbatterien an zu schießen, vom Himmel fiel Leuchtmunition, die so genannten Christbäume. Alle gingen in den Keller – und dann begann der Bombenhagel. Alle Menschen im Keller wurden von einer Druckwelle zu Boden geworfen, das Haus war getroffen worden.

Zum Glück gab es die Mauerdurchbrüche, durch die ging es von Haus zu Haus. Endlich führte ein Weg nach draußen: „Wir sahen nur eine Trümmerlandschaft, ein Feuersturm fegte durch die Luft.“ Horst, Margot und Mutter Martha, die ausgerechnet an diesem Tag Geburtstag hatte, versuchen, Richtung Hauptbahnhof zu gehen. Beim Blick zurück sehen sie: Das Haus, in dem sie gewohnt hatten, brennt lichterloh. „Meine Mutter schrie und weinte, aber ich sagte nur: ‚Mutter, komm, wir müssen weiter.‘“ Vor dem Bahnhofsvorplatz erreichen sie den dortigen Bunker – aber wo war der Vater abgeblieben? Die Familie hat ihn aus den Augen verloren.

Sie gehen in den überfüllten Bunker, langsam wird da drin die Luft knapp. Als die schweren Eisentüren geschlossen werden sollen, legt sich Horst Leise mit einem Wachtposten an: Er will mit Mutter und Schwester raus, der Posten will das verhindern – doch der junge Soldat setzt sich durch. Sie laufen zur hinteren Kölnischen Straße, setzen sich erschöpft in einen Hauseingang – da spricht sie eine Hausbewohnerin an und bietet ihnen an, bei ihr unterzukommen: „Das Zimmer meines Sohnes ist frei, weil er auch Soldat ist.“ Acht Tage bleiben sie bei der Frau wohnen, irgendwann findet der Vater wieder zur Familie, Horst hat ihn an der Stadthalle getroffen, wo Verpflegung ausgegeben wurde. Doch Hab und Gut sind verloren – was tun?

 In Homberg gibt es Verwandtschaft, die Familie macht sich auf den Weg. Die Verwandten, die Familie Angersbach, erklären sich sofort bereit, zwei Zimmer zur Verfügung zu stellen. Horsts Eltern bleiben dort bis zum Lebensende. Und auch der junge Soldat lässt sich nach dem Krieg in der heutigen Kreisstadt nieder.

Rückblickend hat ihm die Entscheidung, auf den Kinobesuch zu verzichten, wohl das Leben gerettet. Denn in den Bürgersälen, die sein eigentliches Ziel waren, werden am nächsten Tag nur Leichen geborgen, die in einer langen Reihe aufgebahrt wurden. Immer wieder passiert Wundersames: Manche der vermeintlich Toten waren nur schwer betäubt, bewegen sich plötzlich, stehen auf. Für Horst Leise war es in diesen Tagen eine Pflicht, dort zu helfen, wo er nach dem schrecklichen Bombenangriff in seiner Heimatstadt gebraucht wurde.

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