Briefwechsel: Und bald kommt der Winter....

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Der Breifwechsel von Rainer Hahne richtet sich an die Mitarbeiter in den Flüchtlingseinrichtungen, die jeden Tag mit Gewalt konfrontiert werden.

Sehr geehrte Mitarbeiter in den Flüchtlingseinrichtungen in Nordhessen,

das Thema Flüchtlinge lässt niemanden in Deutschland mehr kalt. Kein Tag, keine Nachrichten ohne neue Hiobsbotschaften. Massen, die zu Fuß auf dem Weg nach Deutschland sind. Menschen, die versuchen, mit Gewalt Grenzen zu überwinden. Eltern, die versuchen, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen.

Während es für Otto Normalverbraucher Szenen sind, die ihn beunruhigen, frage ich mich wie Sie damit umgehen. Sie müssen ja damit rechnen, dass genau diese Menschen in den nächsten Tagen mit dem Bus in unsere nordhessischen Erstaufnahmeeinrichtungen kommen. Die Szenen in Calden haben jetzt auch dem Naivsten klar gemacht, welche Probleme auf uns zukommen. Niemand hätte es vor Monaten für möglich gehalten, dass jetzt tausende Flüchtlinge bei uns in Zelten unterkommen müssen. Eigentlich ist es erstaunlich, dass es in so kurzer Zeit gelungen ist, überhaupt soviel Einrichtungen aufzubauen und so viele Menschen wie Sie zu finden, die dort unter schwierigsten Bedingungen arbeiten.

In Einrichtungen wie Calden ist es kaum möglich, auf die psychischen Probleme der Menschen einzugehen. Dort ist es kaum möglich, auch nur die Essensausgabe oder die Kleiderausgabe halbwegs ruhig durchzuführen.Wenn ich früher Zeltlager geleitet habe, waren dort feste Gruppen, die eine bestimmte Zeit in festgelegten Zelten waren. Sie erleben etwas ganz anderes. Zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten werden Menschen aus aller Herren Länder angekarrt. Wenn Sie abends nachhause gehen, wissen Sie nie, welche Situation Sie am nächten Morgen vorfinden werden.

Streiken dort syrische Flüchtlinge, die nicht in die Zelte wollen? Stehen jede Menge Polizeiwagen vor dem Eingang, weil es mal wieder Probleme gegeben hat? Oder stehen dort Journalisten von der New York Times über Washinghton Post bis zum Hessischen Rundfunk, um Ihnen genauestens auf die Finger zu schauen? Und niemand kann Ihnen sagen, wie es weitergeht. Der Winter steht bald vor der Tür. Werden Sie weiterhin in Calden, Schwarzenborn Frühstück austeilen? Werden Sie sich weiter darüber wundern, warum 1500 Flüchtlinge 10.000 Stück Zucker am Tag brauchen?  Oder werden Sie entlassen oder zurück an Ihre Schreibtische im Regierungspräsidium bei den Johannitern, dem Roten Kreuz gehen und sich erstmals in Ruhe Gedanken über diese unfassbare Zeit machen können? Auf jeden Fall ist eins sicher: Sie waren dabei. Sie haben Szenen erlebt, die Sie nie wieder vergessen werden.

Mit stressigen Grüßen

Rainer HahneChefredakteur

P.s. Einige Menschen in unserem Lande müssen es noch lernen, dass nicht nur friedliche, freundliche Menschen zu uns kommen, die dankbar sind. Viele der Flüchtlinge haben sich gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt und kämpfen auch bei uns um jeden Vorteil. Und das mit allen Mitteln.

Interview mit der Augenzeugin Bärbel H. gibt einen Einblick über die Situation im Flüchtlingslager CaldenHier gelangen Sie zum Interview von Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke

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