Briefwechsel: Documenta der Schuldigen

Sehr geehrter Aufsichtsratsvorsitzender Christian Geselle, sehr geehrter Staatsminister Boris Rhein als Vertreter der documenta-Eigentümer Stadt Kassel und Land Hessen haben Sie die erste Aufsichtsratssitzung nach der documenta eröffnet.

Und sie erst nach einer langen anstrengenden Sitzung beendet. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Sie beide für diesen Zeitraum Vergnügungssteuer bezahlen mussten. Denn immer noch geht es bei der documenta-Nachbetrachtung darum, Schuldige dafür zu finden, dass ein Minus von 5,4 Millionen (!) Euro entstanden ist.

Ganz toll war schon die erste Erkenntnis: Athen und Griechenland sind schuld. Kassel allein wäre bezahlbar gewesen. Hört sich gut an, ist aber Blödsinn. Weder Griechenland noch Athen haben darum gebeten, dass die documenta nach Athen kommt. Athen möchte Kassel die documenta auch nicht klauen, wie man in Kassel hören und lesen konnte. In der griechischen Hauptstadt hat man die klassische Kunst und auch sonst genug Probleme.

Ist also der künstlerische Leiter Adam Symzcyk der Schuldige? Der hatte schließlich die Idee, die documenta in einem europäischen Spannungsfeld zwischen Nord und Süd, Arm und Reich zu präsentieren. Eigentlich nicht, denn mit diesem Konzept hatte er die international hochkarätig besetzte Jury mit Fachleuten von fünf Kontinenten überzeugt, die ihn daraufhin als künstlerischen Leiter vorgeschlagen hat. Ist also die Jury schuld? Eigentlich nicht, denn die Jury hat diesen Vorschlag dem Aufsichtsrat vorgelegt, der ihm zugestimmt hat. So, wie das schon immer gewesen ist.

Ist also der Aufsichtsrat schuld? Hätte der darauf hinweisen müssen, dass eine solche Doppeldocumenta unbezahlbar ist? Eigentlich nicht, denn bis in den Juni hinein sah es so aus, als ob es möglich sei, mit dem aufgebesserten Etat und den erfreulich hohen Besucherzahlen diese Herkulesaufgabe zu stemmen. Ist also die Geschäftsführerin schuld? Eigentlich nicht. Annette Kulenkampff hat sich im wahrsten Sinne des Wortes an dieser einmaligen documenta über 160 Tage abgearbeitet und hat lange gehofft, dass der Zuschauerboom anhält. Das ist aber nicht passiert.

Bleiben als mögliche Schuldige die Künstler (haben die Besucher nicht begeistert), die Medien (haben die documenta schlecht geschrieben), die Ministerin Andrea Nahles (hat den Mindeslohn ausgeheckt), der griechische Staat (hat die Mehrwertsteuer erhöht), der Wettergott (ist für die Hitzewelle über Athen verantwortlich), alle diejenigen, die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben und für das Thema Flucht und Vertreibung gesorgt haben. Na bravo!

Mit ironischen Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Die documenta wird es 2022 geben. Daran hat kaum jemand gezweifelt. Wurde noch etwas entschieden? Was passiert mit Frau Kulenkampff? Ein dürftiges Ergebnis einer langen Sitzung.

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