Briefwechsel: documenta der Superlative

Sehr geehrter Hans-Jürgen Jakobs, Sie haben sich als Handelsblatt-Autor zu der documenta 14 geäußert, die wir am Sonntag in Kassel feierlich beendet haben. Aber nicht offiziell. Nicht ein einziges Mitglied des Aufsichtsrates war anwesend.

Aufgerufen hatte das documenta-Forum: „Nach allem, was das Team in den letzten Tagen durchmachen musste, ist untergegangen, dass sie über einen langen Zeitraum viel Herzblut, Schweiss und Arbeit in dieses Projekt investiert haben. Deshalb haben sie einen würdigen respektvollen Abschied verdient. Vielleicht bringt auch jeder eine Blume mit. Aber öffentlich wollen wir das nicht machen, da wir vermeiden wollen, dass die Kritiker das ins Gegenteil verkehren.“ Die Situation vor dem Fridericianum hatte schon etwas Unwirkliches.

Um 18 Uhr bildete sich ein doppelter Regenbogen über dem Platz. Mal wieder. Schon vor Tagen hatte er den Parthenon geschmückt. Und als um 20 Uhr der künstlerische Leiter der Documenta 14 Adam Szymczyk ans Mikrophon auftrat, wehte der dunkle Rauch der Theatermaschine auf dem Turm über dem Platz. Griff die Natur ein, wo die Menschen versagt haben? War es eine Schicksalsstunde für die documenta? Sollte es die letzte sein? Das, was man in den Gesichtern lesen konnte, sah nicht nach Zuversicht aus. Ein Welt-Redakteur hatte schon getitelt: „Schluss mit der documenta – und zwar für immer.“ Die documenta habe sich überlebt und insbesondere auch die ästhetische Wertschöpfung ruiniert.

In diesem Moment brach die Abendsonne durch die Wolken und verwandelte das Gerüst des Parthenons auf dem Friedrichsplatz in ein glitzerndes, filigranes Monument. Da war ich mir sicher, wenn die „Welt“ schon lange im Mülleimer der Geschichte modert, werden die Nordhessen den Parthenon immer noch nicht vergessen haben. Selbst zerlegt habe sich die documenta, so die „Welt“ weiter, und Schäden an der Kunst, an handelnden Personen hinterlassen. Dazu komme ein finanzielles Problem.

Wie groß das ist, wird sich wohl nächste Woche zeigen. Sie, Herr Jakobs, haben sich dazu entspannt geäußert: „Die documenta 14 in Kassel endet im Superlativ. Noch nie kamen soviel Besucher. Und noch nie stand am Ende ein so hohes Defizit. Das Minus ist andererseits nicht größer als der Bonus eines Spitzenbankers.“ Sicher ist, dass die Aufgeregtheit der Medien in der letzten Woche rund 30.000 Besucher vom Kassel besuch abgehalten hat. Das sind 450.000 Euro Mindereinnahme. So etwas braucht kein Mensch.

Mit sparsamen Grüßen
Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Stinksauer hat mir Ex-Geschäftsführer Bernd Leifeld erzählt, dass spekuliert worden wäre, er werde wieder documenta-Geschäftsführer. „Mit mir hat niemand gesprochen und ich werde es auch nicht machen“, erklärte er kurz und bündig. Und außerdem ist Annette Kulenkampff da. Das sollte nicht vergessen werden.

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