Briefwechsel: Duell im Abendgrauen

Sehr geehrte Wählerinnen und Wähler, na, haben auch Sie vor dem Fernseher gesessen und das „Duell“ zwischen unserer amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Martin Schulz gesehen?

Von den Fernsehsendern wurde dieses Gespräch ja dermaßen hochgeschaukelt, als ob es als Einziges noch unsere Demokratie retten könnte. Motto: Die Hälfte der Wähler hat sich noch nicht entschieden, wen sie wählt, deshalb ist es für die Politiker überlebensnotwendig, sich in diesem Gespräch geradezu sensationell darzustellen.

Für mich war wichtig, dass sich beide Kontrahenten bei diesem Gespräch an die Regeln des Anstands gehalten haben. Zu oft habe ich in der letzten Zeit solche Gespräche im Ausland gesehen, bei denen der Begriff Fremdschämen viel zu niedrig gegriffen war. Peinliche Gestalten wie Trump oder Le Pen versuchten mit übelsten Beschimpfungen und Entgleisungen Punkte zu machen. Nein danke!

Doch genau diese Typen sind das Ergebnis unseres Medienzeitalters. Schauen wir uns doch nur mal das Umfeld an, in dem dieses „Duell“ stattgefunden hat. Krimis, Komödien und Kochsendungen – mehr als die drei großen K haben doch unsere Fernsehsender kaum noch zu bieten. Garniert werden diese Pfeiler des TV-(Un)wesens durch Vollidioten, die wahlweise in Häusern oder im Dschungel eingesperrt werden und dort irgend etwas Ekelerregendes essen oder sich ausziehen müssen. Die Weisheiten, die dabei von sich gegeben werden, ziehen auch dem letzten Zuschauer die Schuhe aus.

Merkel wusste, warum Sie sich nur mit größter Vorsicht ins Fernsehen begeben hat. Demokratie eignet sich nicht unbedingt zur schnellen niveaulosen Fernsehunterhaltung. Dazu braucht es solche Leute wie Gottschalk, Jauch oder Trump. Unsere Welt ist mittlerweile zu kompliziert geworden, um Fragen mit Ja oder Nein zu beantworten. Ja, liebe Leserinnen und Leser, selbst der Versuch, klaffende Wissenslücken durch den Wahl-OMat zu ersetzen, ist eigentlich nur peinlich.

Demokratie erfordert von allen, sich ständig zu informieren. Nur mal schnell alle vier Jahre das „Duell“ schauen, ist einfach zu wenig. Und mit diesen Moderatoren sowieso.

Ja, die Frage muss erlaubt sein, warum müssen bei diesem Gespräch Moderatoren dabei sein? Warum kann man die Politiker nicht einfach so zu einem Gespräch vor die Kamera setzen? Dann könnte es vielleicht wirklich zu so etwas wie einer Diskussion kommen und nicht nur zu einer Aneinanderreihung von Statements.

Mit wahltaktischen Grüßen
Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Und wer gewonnen hat? Mit Sicherheit die Zuschauer, die die Informationen aus diesen neunzig Minuten „Fernsehgeschichte“ nicht gebraucht haben. Angela Merkel, die mächtigste Frau der Welt, und Martin Schulz, der ehemalige Präsident des Europaparlaments, haben sich vernünftig verkauft und unsere Demokratie nicht beschädigt.

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