Briefwechsel: Ein Ende mit Schrecken

Sehr geehrte Annette Kulenkampff, wie sagt man doch so oft: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Jetzt ist es endlich soweit. Sie haben sich mit der documenta GmbH auf einen Auflösungsvertrag geeinigt.

Am 1. Juni werden Sie Kassel verlassen, nachdem Sie die Vorbereitungen für die Sitzung der Jury (besteht aus Fachleuten von allen Kontinenten) organisiert haben, die die künstlerische Leitung für die nächste documenta vorschlagen soll. Ob dann der Aufsichtsrat mit seinen teilweise geschwätzigen Räten dem Vorschlag zustimmen wird, muss sich noch zeigen.

Spannend dürfte es werden, ob Aktivitäten der Weltausstellung jenseits der sieben Berge und der sieben Zwerge zugelassen werden. Ein Politiker aus Kassel hat bereits gesagt: „So etwas wie mit Athen werden wir nicht noch einmal politisch durchstehen.“ Ja, gerade die Bürger, die sich früher überhaupt nicht über die documenta freuen konnten und sie mit Hohn und Spott übergossen haben, machen auf einmal mobil und kämpfen für Ihre documenta, da sie irrigerweise glauben, man können sie verlieren.

Ja, man kann sie verlieren – aber nicht nach Athen. Man kann sie verlieren, wenn sie nicht mehr attraktiv ist. Fußballerisch gesehen will ich es mal so ausdrücken: Die documenta ist Champions League. Die anderen Ausstellungen zweite Bundesliga. Und so wie Bayern München auch mal zu Freundschaftsspielen in Amerika oder China antreten muss, muss sich die documenta ebenfalls international zeigen. Wer die Welt nach Kassel holen will, sollte die Plakate nicht nur in Kaufungen aufhängen. Aber das wussten die künstlerischen Leiter schon immer und haben das mit steigenden Zuschauerzahlen untermauert.

Die kommen mittlerweile nicht nur aus den Niederlanden, aus den USA, aus China, sondern jetzt auch aus Südosteuropa. Von der internationalen Werbung profitiert auch Kassel. 2017 wird die Perle an der Fulda erstmals mehr als eine Million Übernachtungen gezählt haben. Doch das wird Sie, liebe Frau Kulenkampff, nicht mehr interessieren. Um die documenta 15 wird sich jemand anderes kümmern können, und der/die wird sich auf jeden Fall nicht langweilen. Auch ohne teure Unternehmensberatung ist klar, dass die documenta mehr Geld braucht.

Kunst ist teurer geworden. Aber allzu viel mehr wird es nicht werden. Auch ihr(e) Nachfolger(in) wird Blut und Wasser schwitzen, wenn der Etat aufgestellt wird. Fünfzig Prozent der Kosten durch die Eintrittsgelder einzuspielen, ist nun mal ein Tanz auf der Rasierklinge. Das haben auch die Hersfelder Festspiele gemerkt.

Mit traurigen Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Und endlich hat auch wieder ein Journalist gefordert, man solle über das Ende der documenta nachdenken. Der braucht wohl den Pulitzer- Preis. Wenn man das Ende der Biennale fordert, bekommt man höchstens in Venedig keine Pizza mehr.

Lesen Sie auch: Aus und vorbei: documenta-Geschäftsführerin muss gehen

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