Briefwechsel: Ich war ein Fremdling

Chefredakteur Rainer Hahne richtet seinen Briefwechsel diese Woche an den Künstler Horst Hoheisel und dem Aschrottbrunnen

Sehr geehrter Herr Hoheisel, Sie haben den modernen Nachbau des Aschrottbrunnens geschaffen, den ein jüdischer Mitbürger der Stadt geschenkt und ihn vor dem Rathaus aufgestellt hatte.

Dann kam das „1000jährige Reich“ und mit ihm die schwärzesten Stunden der Stadt Kassel. Nazis haben damals den Brunnen zerschlagen, in Kassel klirrten einen Tag vor der Reichskristallnacht die Scheiben jüdischer Geschäfte. In Kassel wurden auf dem Friedrichsplatz Bücher verbrannt, die den braunen Gewaltherrschern und ihren Schergen damals nicht gefallen haben.

Mit Kunst konnten diese Herren nur umgehen, wenn sie Germanen und dicke Muskeln oder ihre Götter zeigten. Alles andere war entartet.

Sie, Herr Hoheisel, haben die alte Weisheit „Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ beachtet und haben ihren Brunnen fünfzehn Meter tief im Boden versenkt, um ihn vor möglichen Nazi-Schmiereien oder -zerstörungen zu schützen.

Als Sie mir das vor zehn Jahren erzählt haben, fand ich das – ehrlich gesagt – ein wenig übervorsichtig – und war mir ganz sicher, dass Ihr Brunnen spätestens zur documenta 14 aus dem Boden gehoben und vor dem Rathaus in voller Höhe aufgerichtet wird.

Das Nazi-Problem war zwar noch da, doch konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass das braune Gedankengut im Deutschland des 3. Jahrtausends noch einmal sein hässliches Haupt erheben könnte.

Sie, Herr Hoheisel, haben es besser eingeschätzt als ich. Eine braune Mörderbande hat zwölf Menschen in unserem Land ermordet. Einer von ihnen war Halil Yoskat aus Kassel. Die fremdenfeindliche AfD sitzt im Bundestag, im Rathaus unserer Stadt, die von vielen Menschen als weltoffen geschätzt wird. Und es kommt schon wieder jemand daher, der den Obelisken auf dem Königsplatz in Anlehnung an die „entartete Kunst“ seiner braunen Vorgänger als entstellte Kunst bezeichnet.

Nun wissen wir alle, dass die Geburtsstunde der wichtigsten Ausstellung unserer Stadt geschlagen hat, als der Kasseler Künstler Arnold Bode die Idee hatte, die „entartete Kunst“ der Nazi-Zeit unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg in den Trümmern seiner Heimatstadt Kassel auszustellen.

Sie, Herr Hoheisel, haben alles richtig gemacht, als Sie Ihren Brunnen im Untergrund gelassen haben. Jetzt gilt es ,den Obelisken auf dem Königsplatz zu schützen. Er passt nicht nur zu Ihrem Brunnen. Wenn man ihn aus der richtigen Perspektive fotografiert, bildet er mit den Kirchtürmen im Hintergrund ein eindrucksvolles Dreigestirn.

Mit künstlerischen Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Der Obelisk bringt alles mit, um DER Treffpunkt in unserer Stadt zu werden. Die Gastronomen am Königsplatz sollten alles dafür tun, dass Touristen und Einheimische sich hier verabreden und während des Wartens bei ihnen einen Kaffee trinken. Bäcker tun gut daran, sich auf den Preis ihrer Brötchen zu konzentrieren. Kunstpreise machen andere.

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