Briefwechsel: Die Grenzen des Anstands

Chefredakteur Rainer Hahne richtet seinen Briefwechsel an Oberbürgermeister Christian Geselle.

Sehr geehrter Oberbürgermeister Christian Geselle, der Obelisk mit seiner zutiefst christlichen Botschaft steht immer noch auf dem Königsplatz. Und das ist gut so! Das meinen viele Kasseler Bürger. Alle? Nein. Die rechtsradikale AfD hat bekanntlich schon früh gegen die Kunst angehetzt. Dabei war es dem Stadtverordneten Thomas Materner nicht einmal peinlich, den Obelisken als entstellte Kunst zu bezeichnen und sich damit ohne jeden Anstand an Himmlers „entartete Kunst“ anzulehnen. Er habe halt Aufmerksamkeit gewollt, hat er mir mal erklärt. Hat er bekommen. Kassel leider auch. Künstler Oguibe bekam den Eindruck, dass in Kassel Rechtsradikale entscheiden, was mit seinem Kunstwerk passieren soll.

Herr Materner jedenfalls war sein dummer Spruch noch nicht peinlich genug. Als die Kulturdezernentin Susanne Völker in der Stavo für den Obelisken am aktuellen Standort gekämpft hat, hat er sie bedroht: „In Dresden hätten Sie das nicht gewagt.“ Ein Schelm, wer nicht weiß, was dieser feine Herr damit gemeint hat. Pegida-Horden hätten dort wahrscheinlich dafür gesorgt, dass sie zwar die Meinungsfreiheit pervertieren dürfen, andere hingegen haben den Mund zu halten. Und jetzt will die AfD auch noch den Künstler unter Druck setzen, wenn er nach Kassel kommt.

Ich finde es bemerkenswert, dass Sie, Herr Geselle, es abgelehnt haben, den Besuchstermin des Künstlers öffentlich bekannt zu geben: „Wenn Künstler wegen eines umstrittenen Kunstwerks persönlich angegangen und diskreditiert werden, geht das weit über das Erträgliche hinaus. Eine solche Rhetorik erinnert mich an die widerliche Hetze der Nationalsozialisten gegen Andersdenkende, Künstler und Medienschaffende.“ Die Macher der letzten documenta haben ja kein Hehl daraus gemacht, dass sie das Thema Flucht und Vertreibung provokant in den Mittelpunkt ihrer Ausstellung stellen wollten. Es ist ihnen gelungen. Die Kritik an der größten Weltausstellung der modernen Kunst hat dadurch aber eine Schärfe erhalten, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Da ist es gut, dass Sie, Herr Oberbürgermeister, sich in aller Deutlichkeit vor die documenta gestellt haben: „Die documenta-Stadt Kassel ist und bleibt eine weltoffene Metropole, auch wenn das nicht in das Weltbild mancher passt, die nur im Sinn haben, Hass zu Wahlkampfzwecken zu verbreiten.“

Ich hoffe auf jeden Fall, dass der Künstler sich in unserer Stadt aufhalten kann, ohne angegriffen oder beleidigt zu werden. Alles andere wäre eine Katastrophe für unsere Stadt.

Mit künstlerischen Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Der Obelisk vor dem Rathaus wurde schon vom Künstler Hoheisel unter die Erde gebracht, um ihn vor Rechtsradikalen zu schützen. Jetzt gilt es, den Obelisken auf dem Königsplatz zu schützen. Die Welt schaut genau, was dort passiert.

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