Briefwechsel: Gut Ding will Weile haben

Sehr geehrte CDU- und SPD-Politiker in Berlin, kennen Sie noch diesen guten alten Spruch? Sie waren gar nicht so dumm, unsere Vorfahren. Sie wussten genau, dass man sich auch mal in Ruhe hinsetzen und nachdenken muss, wenn man einen vernünftigen Beschluss fassen will.

Davon kann heute keine Rede mehr sein. Der oft zitierte „Hamster im Laufrad“ hat im Vergleich mit Ihnen ein selten ruhiges Dasein. Sie können nicht mal mehr aus dem Fenster schauen, ohne dass mehrere Psychologen sich Gedanken über die Bedeutung Ihres Gesichtsausdrucks machen. Was ein Politprofessor kürzlich aus ein paar völlig inhaltsleeren Sätzen zurecht fabuliert hat, hat mich mal wieder an der Qualität des Studiums in Deutschland zweifeln lassen.

Ich weiß nur nicht so genau, warum wir eigentlich so nervös sind. Wir Wähler haben schließlich durch unserer Entschlüsse voll unendlicher Weisheit dafür gesorgt, dass die Situation so ist wie sie ist. Deutschland boomt wie schon lange nicht mehr. Das Ausland schaut voller Neid auf unsere Wirtschaftskraft. Amerikas dusseliger Präsident Trump hat ständig Tränen in den Augen, wenn er sieht, was wir für Exportüberschüsse einfahren, während seine „Supermacht“ in erster Linie „America first“ ist, wenn es gilt, die Staatsverschuldung in unendliche Höhen zu treiben. Und wer über unsere medizinische Versorgung meckert, sollte sich mal mit hundert gleich Schmerzverzerrten in einer Turnhalle die Zähne ziehen lassen.

Das nenne ich Medizin zehnter Klasse. Und selbst denen soll noch genommen werden. Wir weisen Wähler haben die Nazis mal wieder in den Bundestag gewählt und wundern uns nun, wenn das Gleichgewicht der Kräfte allmählich völlig durcheinander gerät. Und unsere Bundeskanzlerin wird immer noch angegriffen, weil sie als eine der wenigen menschlich gehandelt und geholfen hat, als Menschen in Not waren. Unsere braunen Politiker hetzen jetzt rum, sie hätte hunderttausende Mörder und Vergewaltiger ins Land gelassen. Na ja, wir Wähler wussten ja, welch Geistes Kinder wir nach Berlin geschickt haben. In diesem Chaos wird versucht, eine Bundesregierung auf die Beine zu stellen. Eine simple Aufgabe, denken offensichtlich viele. Dreimal zusammen gesetzt. Ein paar Zettel auf den Tisch geworfen und tata – da hammer se.

Wenn es so einfach wäre, könnten das ja auch die, die heute das Maul am weitesten aufreißen. Aber hier geht es nicht darum, eine Pommesbude zu leiten. Hier geht es darum, eines des wirtschaftlich stärksten Länder der Welt solide zu führen. Um das zu organisieren, nehmen Sie sich bitte Zeit, liebe Politiker.

Mit geduldigen Grüßen
Rainer Hahne
Chefredakteur

P.s. Wir Wähler haben ja noch einige Möglichkeiten im Köcher, um das Chaos zu vervollständigen. Eine Nutte im Parlament, die ihre Wähler horizontal berät. Ein Komiker, der eine Partei führt. Und jetzt Berlusconi. Pleite-Italien macht’s vor.

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