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Briefwechsel: Vom "Sparhans" lernen

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Von: Rainer Hahne

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Chefredakteur Rainer Hahne schreibt an den ehemaligen Bundesfinanzminister Hans Eichel.

Sehr geehrter Hans Eichel,

Sie sind in Kassel Oberbürgermeister gewesen, haben als Ministerpräsident Hessen geleitet und als Bundesfinanzminister haben Sie für Deutschland gespart und sich den Spitznamen „Sparhans“ erarbeitet. Sie haben es so schön auf den Punkt gebracht: „Warum weiß ich nicht – aber ich wollte schon immer in die Politik.“ Gern erzählen Sie die Geschichte, wie in der Schule mit einem Rollenspiel die Bundestagswahl vorbereitet wurde. ´

Sie, Herr Eichel, haben leidenschaftlich für die CDU bei Ihren Mitschülern geworben und die absolute Mehrheit geholt. Doch im wirklichen Leben haben Sie nur eine Leidenschaft – die SPD. In Nordhessen sind Sie mit 75 Jahren immer noch die graue Eminenz der Partei – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie haben ganze Generationen junger und mittlerweile älterer Politiker geprägt. In welchem Ausmaß wurde ausgerechnet an Ihrem Geburtstagsfest deutlich, dass die HessenSPD zu ihrem Geburtstag ausgerichtet hat. In den Kulturbahnhof wurden großzügig alle Mitglieder der Kasseler SPD und Freunde eingeladen. 400 von ihnen haben die Einladung ihrer Partei angenommen und sind gern gekommen, um einen großen Sozialdemokraten zu feiern. Angesichts dieses Ansturms flatterte dem parlamentarischen Geschäftsführer Günther Rudolph dann doch finanziell die Hose und der „Sparhans“ kam in ihm hoch. Erst nach den offiziellen Reden werde zu Essen und Getränken eingeladen – aber nur bis 21 Uhr. Die restliche Zeit müsse man die Getränke selbst bezahlen. Da die Reden bis 20.30 Uhr gingen, war das ein kurzes und für die Landespartei bezahlbares Vergnügen. „Ganz der alte Sparhans“ kommentierte das ein alter Genosse gerührt und bezahlte um 21.01 Uhr sein Getränk wieder selber.

Ja, Herr Eichel, es waren eben harte Zeiten, in denen Sie das Zepter in der Hand hatten. 41 Millionen Euro Gewinn in Kassel wie heute war für Sie damals undenkbar. Kassel war ein Armenhaus, hatte über zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit. In Hessen starben zwei Polizisten bei den gewalttätigen Demonstrationen gegen die Startbahn West. Und als Bundesfinanzminister konnten Sie den Boden der deutschen Staatskassen mehr als deutlich sehen.

Sie haben sich garantiert keine Freunde gemacht, als Sie damals im Haushalt dreißig Milliarden Mark unter den Fingern Ihrer Ministerkollegen her gezogen haben. Ja, Ihre penible Arbeit brachte Ihnen zusätzlich auch noch den Spitznamen „Büroklammer“ ein.

 Trotzdem – von der Politik können Sie nicht lassen, reisen heute noch für die SPD durch die Lande. Die große Feier haben Sie sich mehr als verdient. In schlechten Zeiten und mit leeren Kassen ist regieren harte Arbeit.

Mit politischen Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Etwas mehr Großzügigkeit hätte der Landespartei ganz gut zu Gesicht gestanden. So klamm kann die doch wirklich nicht sein. Oder?

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