Briefwechsel: Hessen ist die Nummer 1

Sehr geehrter Friedrich von Heusinger, Sie sind schon lange in Brüssel tätig. Waren lange als stellvertretender Leiter der bayrischen Landesvertretung aktiv, bevor sie die Leitung der hessischen Landesvertretung übernommen haben.

Ein verhängnisvoller Vorgang für die Bayern. Die waren bis dahin die unangefochtene Nummer 1 bei den Landesvertretungen, saßen mit ihrem Schloss direkt neben dem Europaparlament und waren für Firmen und Verbände die Anlaufstelle Nummer 1, während wir Hessen in einem alten Gebäude am Rande der Stadt ein tristes Dasein geführt haben. Das ist mit dem neuen Leiter und dem neuen Gebäude vorbei.

In nur wenigen Jahren ist Hessen nicht nur als wirtschaftsstärkstes Bundesland in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Wie heißt es doch so schön im Volksmund: „Wie man kommt gegangen, so wird man auch empfangen.“ Hessen kommt jetzt genau so daher, wie es unserem Bundesland zusteht. In dem alten, runtergekommenen Gebäude am Rande eines Gewerbegebietes waren wir unter uns. Jetzt gehören die Veranstaltungen in der Landesvertretung in der Rue Montoyer zu den gefragtesten in Brüssel.

Dass man das Europaparlament fußläufig in zehn Minuten erreichen kann, unterstützt das eindrucksvoll. Dem Bund der Steuerzahler und den Medien, die gegen den Bau dieses Gebäudes zu Felde gezogen waren, kann ich nur empfehlen: „Fahren Sie hin und überzeugen Sie sich davon, dass das Haus bestens ausgebucht und sein Geld wert ist.“ Für die Mitglieder des EXTRA TIP-Wirtschaftsrates ist es in jedem Jahr interessant, was für Themen ganz oben auf der Tagesordnung stehen werden. Wir haben die heißen Diskussionen um die griechischen Finanzen und um den Umgang mit Besetzung der Ukraine durch Russland hautnah miterlebt.

Hochemotional war das letzte Jahr, als der Brexit, die Flüchtlingsfrage und die bevorstehenden Wahlen in Belgien und in Frankreich die EU vor eine Zerreißprobe gestellt haben. Die Nervenanspannung der hochkarätigen Referenten aus dem Kommissionen war mit den Händen zu greifen. Und in diesem Jahr? Es war erstaunlich ruhig. Die Griechen bekommen wieder Geld auf dem freien Markt. Die Flüchtlingsfrage wird abgearbeitet. Die Frage, ob es möglich ist, Ländern wie Polen oder Ungarn das Stimmrecht abzuerkennen, wenn sie sich dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs nicht beugen, wird entspannt diskutiert: „Dann werden wir eben an der Geldschraube drehen.“

Fazit: Die Gemeinschaft der 28 Länder, die sich früher mit Mord und Totschlag überzogen haben, arbeitet holprig, aber zuverlässig.

Mit europäischen Grüßen
Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. „Ich arbeite hier seit zwanzig Jahren, weil ich nicht widerspreche, wenn ich hören muss, dass Brüssel das Zentrum der Dummheit ist, während überall ringsum die Schlauheit herrscht“, hat mir ein Referent erzählt. Mein Tipp: Bitte wehren!

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