Briefwechsel: "Insel der Seligen"

Sehr geehrte Kasseler, Kasselaner und Kasseläner, das war doch mal ein schönes Wochenende. Hatte irgendwie für alle was.

Angefangen hat es mit dem Neujahrsempfang der Stadt Kassel. Irgendwie grandios. Nix wie gute Zahlen gab es zu vermelden. Von 740 Millionen auf 400 Millionen Euro wurde der Schuldenberg abgebaut. Zweifellos eine schöne Leistung der Stadtregierung, die allein im letzten Jahr über 50 Millionen Euro in den Schuldenabbau gesteckt hat.

Doch auch das Land Hessen freut sich darüber, wie man dem Gastredner des Tages, Ministerpräsident Volker Bouffier, unschwer am Gesicht ablesen konnte. Schließlich war es „seine“ Landesregierung, die den „Schutzschirm Hessen“ aufgespannt und damit die Schuldenmacherei zumindest eingeschränkt hat. Kassel war schnell unter dem Schirm und schnell wieder weg. Weg waren dadurch auch 200 Millionen Euro Schulden, die das Land übernommen hat. Dafür haben wir etwas höhere Parkgebühren bezahlt und eine Bibliothek geschlossen. Kann man aushalten. Wenn Parteien so zum Wohle der Stadt, des Landes oder der Bundesregierung zusammen arbeiten, finde ich das vorbildlich.

Jeder Wähler hat das Recht, das anders zu beurteilen, deshalb finden sich Parteien machmal in merkwürdigen Situationen wieder. Da hat die SPD als Teil der Bundesregierung den Mindestlohn und die Rente mit 63 durchgesetzt und erntet dafür als Dank – NICHTS. Ganz im Gegenteil. Kein Wunder, dass die Partei uns einen selten spannenden Sonntag geschenkt hat. Politische Diskussionen mit Unterhaltungswert? Das gibt es noch? Ja, das gibt es. Da wurde in manchem Haushalt das komplette Sonntagsprogramm umgeworfen, um ja keine Stellungnahme auf dem SPD-Parteitag zu verpassen. Keine? Na ja, einige boten sich förmlich an, einen Kaffee zu kochen.

Aber der Großteil hatte es echt in sich. Und wie immer in solchen Krisensitzungen schieben sich Leute an die Spitze, die man dort nicht vermutet hätte. Hier darf sich jeder einen aussuchen. Mich hat Manuela Schwesig („Ich habe jahrelang für sechzig Millionen Euro für Kinder gekämpft. Jetzt gibt es eine Milliarde Euro. Das müssen wir annehmen.“) beeindruckt. Malu Dreyer war stark – und einem hätte ich das so gar nicht zugetraut – Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Der Mann ist mit seinen Aufgaben gewachsen.

Diese Politiker haben verstanden, dass Politik mehr ist als ein dümmliches Machtspiel. Solchen Politikern kann man ruhigen Gewissens die Verantwortung für unser Land überlassen. Wir wohnen nicht umsonst auf der „Insel der Seligen“. Mit wahltaktischen Grüßen,

Rainer Hahne

Chefredakteur

P.s. Ob der kühnste Bobfahrer der Politik Martin Schulz sich von seinen atemberaubenden Loopings noch mal wird erholen können, bleibt eine spannende Frage. Er wäre nicht der erste Prophet, der von seinen Jüngern verlassen wurde.

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