Briefwechsel: "Das Internet verkommt zur Jauchegrube"

Sehr geehrte Frau Renate Künast, als Grünen-Politikerin haben Sie sich schnell einen Namen mit Ihren Vorschlägen gemacht und mit ihren hartnäckigen Versuchen, sie umzusetzen.

Jetzt hat ein Rechtsextremer einen dreißig Jahre alten Zwischenruf von Ihnen in einer Diskussion, in der es um die Entkriminalisierung von Geschlechtsverkehr mit Kindern ging, aufgegriffen und angeschärft. Was dann passiert ist, muss man leider immer wieder im Internet, das zunehmend zu einer Jauchegrube verkommt, erleben.

Mit „Drecksfotze“, „Drecksau“, „als Kind zu wenig gefickt“, „Knatter sie doch mal so richtig durch“, „Stück Scheisse“, „Geisteskranke“, „die Fresse polieren“, „als Sondermüll entsorgen“ wurden Sie aufs übelste beleidigt. In meinen Augen ist das tiefste Gosse. Das Berliner Landgericht sah das ganz anders. Die dort - warum auch immer - tätigen Richter sahen in diesen üblen Beschimpfungen „zulässige Meinungsäußerungen“. Meine Meinung? Räumen Sie Ihren Richterstuhl!! Der Kommentar „Drecksfotze“ bewege sich haarscharf an der Grenze des von der Antragstellerin noch Hinnehmbaren.

In der Beleidigung „Sie sind eine hohle Nuss, die als Sondermüll entsorgt werden muss“ sehen die Richter in Berlin eine überspitzte Kritik, die nicht diffamierend ist. Eine Beleidigung sei nicht gegeben. Zusammenfassend ist die Kammer der Ansicht, dass die Antragstellerin - Künast hatte versucht, gegen die Hasser rechtlich vorzugehen - sich auch sehr weit überzogene Kritik gefallen lassen muss. Ich möchte mir gar kein Urteil darüber erlauben, in was für einer Kinderstube diese Richter aufgewachsen sind - über den Pöbel, der dort „kommentiert“ hat erst recht nicht. Nach dem Mord an unserem Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke, dem massivste Beleidigungen und Morddrohungen vorausgegangen waren, hätte ich mir eigentlich gewünscht und erhofft, dass solchen Hasstiraden gnadenlos verfolgt werden. So wird nämlich ein Mord vorbereitet. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Aber eigentlich überrascht mich das nicht. Mit dem Urteil zu dem ekelerregenden Böhmermann-Gedicht, in dem der türkische Präsident Erdogan als „Ziegenficker“ beschimpft wurde, wurde den Hetzern und Hassern der Weg frei gemacht.

Mit genervten Grüßen,

Rainer Hahne Chefredakteur P.s. Sehr geehrte Frau Künast, ich möchte mich bei Ihnen dafür entschuldigen, dass so etwas im „Volk der Dichter und Denker“ möglich ist.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Wo ist die ganze Trauer? Museum für Sepulkralkultur beschäftigt sich mit Tränen und Verlust

Die Sonderausstellung "Lamento", die bis zum 15. März zu sehen ist, beleuchtet die Emotion und den Umgang mit Verlusten aus verschiedenen Perspektiven und außerhalb der …
Wo ist die ganze Trauer? Museum für Sepulkralkultur beschäftigt sich mit Tränen und Verlust

„Knochen haben es mir angetan“: Professor Dr. Marcel Verhoff über die Rechtsmedizin im TV und in der Realität

Im Fernsehen sind die Forensiker immer ein bisschen verschroben oder haben ihr Mittagessen direkt neben der geöffneten Leichestehen. Alles Blödsinn berichtet Professor …
„Knochen haben es mir angetan“: Professor Dr. Marcel Verhoff über die Rechtsmedizin im TV und in der Realität

Ab Donnerstag: Neue Dauerausstellung zur documenta in Kassel eröffnet

Die documenta ist seit dem Jahr 1955 fest in Kassel verortet und hat nach bisher 14 Ausstellungen zahlreiche Spuren in unserer Stadt hinterlassen.
Ab Donnerstag: Neue Dauerausstellung zur documenta in Kassel eröffnet

Aufmerksamer Zeuge hindert junges Quartett am Rollerdiebstahl: Dann schlägt ein Täter zu 

Einem aufmerksamen 45-Jährigen ist es zu verdanken, dass ein Diebstahlsversuch eines unbekannten Quartetts am gestrigen Montagabend im Kasseler Stadtteil Kirchditmold …
Aufmerksamer Zeuge hindert junges Quartett am Rollerdiebstahl: Dann schlägt ein Täter zu 

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.