Briefwechsel: Jede documenta ist aufregend

Sehr geehrte Nele, Sie sind die Tochter des documenta- Schöpfers Arnold Bode. In diesen Wochen denken Sie besonders oft an das kulturelle Erbe Ihres Vaters, denn das wird in seiner Heimatstadt Kassel diskutiert.

Und wie so oft geht es ums schöne Geld. „Finanzielle Probleme gab es früher auch schon. Ich studierte damals in London, hörte nur, dass mein Vater sehr traurig war. Die Versicherungs- und Transportpreise hatten sich stark erhöht“, haben Sie mir geschrieben. Auch damals hat man sich gefragt, ob man die künstlerische Freiheit einschränken sollte.

Das haben Sie immer strikt abgelehnt: „ Jeder neue documenta-Macher arbeitet nach seinem von ihm erdachten und geplanten Konzept. Deshalb ist doch jede Documenta so aufregend. Man weiß nie im Voraus wie sie wird. Die Organisatoren und die documenta-Realisatoren müssen sich ganz auf den jeweiligen documenta-Macher verlassen. Er bestimmt die Richtung, und ich hoffe, dass das auch so bleibt.“Vor und nach dieser documenta waren die Diskussionen so krass wie selten. Und fast alle fühlten sich bewogen, sich daran zu beteiligen. Menschen, die sich sonst nie um Kunst kümmern, hatten auf einmal die Sorge, Kassel könne seine documenta an Athen verlieren.

Erklärungen von Fachleuten, das sei nicht möglich, weil die documenta dem Land Hessen und der Stadt Kassel gehört, waren vergeblich. Sie, liebe Nele, haben sich eher Sorgen darum gemacht, dass die zum Teil völlig aus der Bahn gelaufenen Diskussionen und Angriffe die documenta beschädigt haben: „Ja, das ist bestimmt passiert, aber wie sollte man sie unterbinden? Wir leben in einer Demokratie, in der sich jeder frei äußern kann und soll. Ich kenne diese Diskussionen nicht, aber sie sollten sich nicht nur auf die letzte documenta beziehen, sondern auch auf die strahlende Reihe von documenta-Realisationen. Sie waren alle von Grund auf individuell konzipiert, danach wurden sie positiv oder negativ von Kritikern oder den Bürgern in Kassel kritisiert. Ich glaube die Wogen werden sich glätten.

Wer die Schulden übernimmt ist ja schon fast geregelt. Die/der nächste documenta- Macher darf nicht mit der Aufarbeitung der letzten documenta belastet werden. Das wäre kein guter Start.“In Kassel wird unterdessen schon weiter diskutiert. Ohne das Kapitel documenta 14 beendet zu haben, geht es jetzt schon um die Frage, ob man Kulturhauptstadt werden will. Für mich geht es weniger um die Frage, ob man das will, sondern vielmehr um die Frage, ob die Bewerbung nach diesen schmerzhaften und oft beleidigenden Diskussionen um die weltgrößte Ausstellung der modernen Kunst überhaupt noch Sinn macht.

Mit kulturellen Grüßen
Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Am 15. November trifft sich der Aufsichtsrat der documenta. Mit dabei wird auch der-/diejenige sein, der/die die Klappe nicht halten konnte und der documenta in der Schlussphase so sehr geschadet hat. Wie soll das nur weitergehen?

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