Briefwechsel: In Kassel geht`s Samstag rund

Sehr geehrter Oberbürgermeister Christian Geselle, bis zum bitteren Ende haben Sie vergeblich dagegen gekämpft, dass ein kleiner rechtsradikaler Verein aus Nordrhein-Westfalen eine Demonstration in Kassel durchführen will.

Kassel. Dass dieser Verein eine Leugnerin des millionenfachen Mordes an den Juden durch die Nazis als ihre Spitzenkandidatin für die Europawahl aufgestellt hatte, ließ die Richter des Verwaltungsgerichts Kassel ebenso kalt wie die Tatsache, dass dieser Verein ausgerechnet vor dem Regierungspräsidium einen Auftritt haben will. Die Damen oder Herren Richter sehen darin zwar einen Zusammenhang mit der gewaltsamen Tötung meines Freundes Dr. Walter Lübcke. Beruhigen sich aber damit, dass der Verein darauf hinweist, dass Attentate auf politische Gegner abgelehnt werden.

Irgendwie erinnert mich das daran, dass man bei der Einreise in die USA ankreuzen muss, ob man den Präsidenten töten oder Drogen einführen möchte. Klingt alles ziemlich einfältig. Während bei Ihnen im Rathaus Hochbetrieb herrscht und man sich auf ein Chaos vorbereitet, freut man sich die Richter offensichtlich darüber, das dieser Verein nur hundert Teilnehmer angemeldet hat. Die Polizei scheint nicht ganz so leichtgläubig zu sein. Rund 2000 Polizisten sollen Samstag Kassel vor Übergriffen von Rechts oder Links schützen, denn es gibt natürlich auch Gegendemonstrationen. Bei den meisten dürfte es friedlich zugehen wie vor der Handwerkskammer oder am Obelisken. Doch bereitet man sich bei den Ordnungshütern, die alle verfügbaren Kräfte in Kassel zusammen gezogen haben, auch darauf vor, dass linksradikale Kräfte wie der „Schwarze Block“ unsere schöne Stadt besuchen wollen. Dass die Bürger weder mit der einen, noch mit der anderen Riege was zu tun haben wollen, spielt keine Rolle.

Ich frage mich nur allmählich, ob wir für solche Aktionen immer die ganze Stadt stilllegen müssen. Hat das was mit der Verhältnismäßigkeit der Mittel zu tun? Kleiner Jux am Rande: Nutzen wir demnächst für so etwas doch unser Auestadion. Aufmarsch auf dem Rasen. Wer sich prügeln möchte bleibt gleich unten. Der Rest verteilt sich auf den Tribünen. Die Polizei wirkt als Schiedsrichter, greift aber nur im äußersten Notfall ein, damit die Kämpfer auch ordentlich was von ihrem Einsatz haben. Wir normalen Bürger gehen auf die Hauptribüne oder in den VIP-Raum, um uns diese Schlachten in aller Gemütsruhe und ohne Angst um unsere Fahrzeuge anzuschauen. Die Einnahmen werden für die Jugendarbeit gespendet. Die Verteilung übernimmt der „Weisse Ring“.

Na, wäre das nicht was? Schließlich steht im Grundgesetz nicht, dass man bei Demonstrationen im Kreis rumlaufen muss. Oder?

Mit gereizten Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

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