Briefwechsel: Das Leben nach der documenta

Sehr geehrter Oberbürgermeister Christian Geselle, sehr geehrter Fraunhofer-Institutsleiter Dr. Clemens Hoffmann, Sie, Herr Oberbürgermeister haben gerade eine schwierige Pressekonferenz zu den Finanzen der documenta 14 ruhig und sachlich hinter sich gebracht.

Sie haben es vermieden, den entstandenen Schaden noch dadurch zu vergrößern, dass Sie voreilige Schuldzuschreibungen von sich gegeben hätten. Auch solchen Forderungen wie die Abkehr von der Weltoffenheit der documenta haben Sie tapfer widerstanden: „Wir bleiben weltoffen. Wir werden nicht provinziell und kleingeistig. Damit könnten wir die documenta kaputt machen.“ Klar haben Sie gesagt, dass die roten Zahlen in Athen entstanden sind. Kein Wunder also, dass darüber diskutiert wird, ob man den Athen-Teil kleiner hätte gestalten können.

Wer dort war, hat dazu eine klare Meinung. Die Überlegung, auf das EMST-Museum zu verzichten, hätte bedeutet, den Ausstellungsteil in Athen zu enthaupten. Hier war mit 50 Künstlern in einem eindrucksvollen Gebäude das Zentrum der documenta in Athen. Aber das ist Schnee von gestern und muss nur aufgearbeitet werden, um von den Fehlern für die Zukunft zu lernen. Unbestritten ist mittlerweile, dass die finanzielle Ausstattung der weltweit größten Schau der modernen Kunst zu gering ist. Das muss Folgen haben. Es ist höchste Zeit, dass die Bundesrepublik sich stärker in die documenta einbringt. Mit Kleingeld ist das nicht getan. Sehr geehrter Dr. Clemens Hoffmann, kaum haben sich Kassels Neider von dem documenta-Schock erholt, kommt der nächste Schlag für Städte gleicher Größe.

Es ist schon ein Ritterschlag, ein Fraunhofer- Institut in der Stadt zu haben. Und genau das haben wir auch Ihnen zu verdanken. Für 60 Millionen Euro werden Bund und Land Ihnen ein eindrucksvolles Institut bauen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Institut zur Speerspitze des Energiewandels werden wird. Als Ausgründung aus der hiesigen Uni hat Ihr Institut begonnen. Demnächst wird es zur Heimat und zur Forschungsstätte für 260 hochkarätige Wissenschaftler, die an genau dieser Uni ausgebildet werden.

Damit haben wir die Zukunft Deutschlands in Kassel fest gemacht. Die Frage, wie wir unseren Energiehunger vernünftig stillen, ist die entscheidende Frage der Zukunft. Wenn wir sie in Kassel beantworten, sichern wir gleichzeitig die Zukunft unserer Stadt.

Mit kulturellen Grüßen
Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Liebe Frau Kulenkampff, für Sie als documenta-Geschäftsführerin waren es aufreibende Jahre. Dieses Mammutprojekt können nur wenige stemmen. Sie haben es geschafft.

P.P.s. Persönlich möchte ich Adam Szymczyk, dem künstlerischen Leiter der documenta sagen: „Sie sind ein äußerst angenehmer, ein wenig zu ruhiger Zeitgenosse. Für Kassel waren Sie ein Gewinn. Das wird man irgendwann merken.“

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