Briefwechsel: "Luther wäre aktiv geworden"

Chefredakteur Rainer Hahne richtet seinen Briefwechsel diese Woche an Frans Timmermanns dem 1. Vizepräsident der Europäischen Kommission.

Sehr geehrter Frans Timmermanns, in diesem Brief wollte ich mich mit den EXTRA TIP-Entdeckertagen in der GrimmHeimat Nordhessen, Luther, den Hersfelder Festspielen, der documenta 14 in Kassel und Helmut Kohl beschäftigen.

Es fehlte mir nur noch die Idee, wie ich das alles zusammenführe. Und dann kommen Sie, der 1. Vizepräsident der Europäischen Kommission nach Hersfeld, in einen Bereich, der früher Zonengrenzbereich war und heute das Zentrum Europas ist.

Hier in der Nähe haben Sie als junger niederländischer Soldat an der schwerst befestigten Grenze der Welt Wache geschoben. Waren ein kleiner Teil der NATO-Truppen, die den Westen gegen den Ostblock schützen sollten. Einen aktiven Einsatz haben Sie, Gott sei Dank, nie miterleben müssen. Und dafür haben Sie sich in Bad Hersfeld bei dem großen Europäer Helmut Kohl bedankt: „Er hat sein Versprechen gehalten, dass er seiner Mutter gegeben hatte: Nie sollten Europäer gegeneinander in den Krieg ziehen.

Das ist bis heute so geblieben. Und dafür sind wir ihm Dank schuldig. Ehren wollen wir ihn mit dem ersten europäischen Staatsakt.“ Sie, Herr Tindermanns, waren in diesen Jahren zu einem überzeugten Europäer geworden. Haben als Professor versucht, Ihre Studenten dazu zu animieren, sich aktiv für Europa einzusetzen. Aber, wie haben Sie es so schön gesagt: „Sie waren lieb und nett – nur aktiv waren sie nicht.“

Ich bin gespannt, ob Ihre Hoffnung, dass der Brexit, Frau May und Donald Trump die kommende Generation so reizt, dass sie doch wieder aus ihrer Entpannungszone kommt, zutrifft. In England hat das ja bereits geklappt. In Frankreich auch. Die Rechtsradikalen sind überall auf dem Rückzug.

Mit genau dieser Passivität kämpft auch Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta 14. Eindrucksvolle Kunstwerke schmücken seit Wochen Kassel. Der Kartenverkauf ist auf Rekordkurs. Die Stimmung in der Stadt grandios. Aber ob es Szymczyk gelungen ist, irgend jemand aufzurütteln, wage ich mal zu bezweifeln. Wir zucken mal kurz hoch, wenn es ein Gedränge an den Grenzen gibt, doch dann legen wir uns wieder zurück. Verschließen vor der Not in Afrika die Augen.

Einem Luther wäre das nicht möglich gewesen. Das ist uns allen, Herr Timmermanns, in der Hersfelder Festspielruine klar geworden. Dieser Mann hat sich mit allem, was ihm zur Verfügung gestanden hat, für das engagiert, was ihm zwingend erforderlich schien. Ohne Rücksicht auf Verluste. Darüber werden wir noch viel reden müssen.

Mit engagierten Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Sie fanden es putzig, dass ein katholischer Niederländer in Bad Hersfeld über Luther und sein Leben und Wirken philosophiert. Machen Sie sich keine Sorgen. Das passt gut ins Bild. Schließlich hat der Bürgermeister von Hersfeld, gerade aus der evangelischen Kirche ausgetreten, Luther ebenfalls mit Inbrunst gefeiert.

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