Briefwechsel: Mit Kanonen auf Spatzen

Sehr geehrte Annette Kulenkampff, Sie sind die Geschäftsführerin der documenta und stehen in diesen Tagen in Kassel am Pranger. Die documenta 14, die größte Weltausstellung der modernen Kunst, hat ihren Etat deutlich überschritten und dafür werden jetzt in aller Öffentlichkeit Schuldige gesucht.

Hektisch versuchen die Verantwortlichen hinter den Kulissen zu klären, wie es zu diesen roten Zahlen kommen konnte. Rechnungen aus Athen hatten offensichtlich alle Hoffnungen auf eine schwarze Null verschwinden lassen Oberbürgermeister Christian Geselle versucht nun mit Hilfe von Fachleuten, einen Überblick zu gewinnen. Keine einfache Aufgabe, denn die documenta 14 läuft noch. Eine seriöse Aussage, was eigentlich genau passiert ist und wie die Zahlen letztendlich genau aussehen werden, dürfte vor Dezember gar nicht zu treffen sein.

Genau aus dem Grund hatte Geselle seinen Aufsichtsrat verdonnert, bis zum Ende der documenta den Mund zu halten, um Schaden von der Veranstaltung abzuwenden. Trotzdem sind einige Zahlen an die Öffentlichkeit gekommen. Hunderttausende habe der Transport des Marmorzeltes allein gekostet, wurde zum Beispiel behauptet. Die kanadische Künstlerin hat dem EXTRA TIP die Rechnung vorgelegt. 6.560 Euro hat die Verschiffung des Zelts gekostet, bezahlt vom Canadian Council, einer Stiftung. Kosten für die documenta in diesem Fall: keine tausend Euro. Woher kommt der Blödsinn? Wer hat aus welchem Grund vor dem offiziellen Ende der documenta geplaudert?

Diese Frage beschäftigt viele. Im Rathaus und in einigen Parteien ist man der Ansicht, dass das tageszeitungsgeprägte Umfeld des Oberbürgermeisters für die Durchstechereien verantwortlich ist. Eine Unterstellung, der Geselle brüsk widerspricht: „Nicht jeder im Rathaus weiß alles.“ Im Verdacht stehen natürlich auch die Aufsichtsratsmitglieder, die das alle vehement von sich weisen. Egal, wer es war, der documenta wurde auf der Zielgeraden großer Schaden zugefügt.

Und noch ist kein Ende abzusehen. Ohne überhaupt konkrete Zahlen zu kennen, wurden Sie, Frau Kulenkampff, aber auch der künstlerische Leiter aufs Übelste angegriffen. An die documenta und ihre Zukunft denkt kaum noch einer.

Mit geschockten Grüßen
Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Der künstlerische Leiter lässt sich diese Angriffe nicht gefallen und schießt mit schwerem Geschütz zurück. Das „ausbeuterische Modell“ unter dem die docuemnta produziert werde, will er angreifen und zielt damit auf den Aufsichtsratschef Christian Geselle und Staatsminister Boris Rhein. Zielführend ist das alles nicht. Weder die Indiskretionen und Beleidigungen, noch diese Angriffe.

P.P.s. Positiv stimmt, dass Herr Szymczik um einen Moment des Innehaltens und des Nachdenkens bittet – der Gesellschafter. Diesen Moment könnten aber auch alle brauchen, denen die documenta am Herzen liegt.

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