Briefwechsel: Respekt für die Kunsthochschule

Chefredakteur Rainer Hahne richtet seinen Briefwechsel an Hessens Wissenschaftsminister Boris Rhein.

Sehr geehrter Minister Boris Rhein, in diesen Tagen sind Sie auf Sommertour in Hessen. In Nordhessen haben Sie unter anderem den Bahnhof in Hümme besucht. Schön und gut. Und sicher hat dort niemand gemeckert. Das wäre ganz anders gekommen, wenn Sie die Kunsthochschule in Kassel besucht hätten. Da Sie für Wissenschaft und Kunst zuständig sind, habe ich mich sehr gewundert, dass Sie dort noch nie aufgetaucht sind.

Mal ehrlich. Ist es Ihnen peinlich, sich dort sehen zu lassen? Ich habe mich erstmals in diesem Jahr intensiv auf dem sogenannten Rundgang mit dieser Institution beschäftigt. Eigentlich wollte ich mir die Kunstwerke anschauen, die die Studentinnen und Studenten dort in den Gängen und Lehrräumen ausstellen. Ausstellungsräume gibt es dort noch nicht. Demnächst soll ein Provisorium aus Holz in einem Innenhof gebaut werden. Das passt zu dem ganzen Komplex. Mein erster Eindruck war nämlich: „Grausam. Ich war noch nicht mal in einem Knast, der so herunter gekommen aussah wie diese Kunsthochschule. Was für eine absolute Frecheit und Unverfrorenheit den Studenten gegenüber.“ Im Brutalismusstil gebaut, ist er mit seinem Wänden aus „rohem Beton“ sowieso schon gewöhnungsbedürftig.

Kraftvolle Kunst für die industrialisierte Gesellschaft war damals das Ziel. Ich konnte mich selbst daran jahrelang in der Uni Bielefeld erfreuen. Doch so vergammelt, unsauber und ungepflegt sah es dort nie aus. Sie, lieber Boris Rhein, sind letztlich für dieses Gebäude verantwortlich. Ich hoffe, dass Sie sich so schnell wie möglich mal in Kassel sehen lassen, um diesem Elend ein Ende zu machen. Schleunigst sollten Sie sich überlegen, ob Sie dem Konstrukt Uni/Kunsthochschule ein Ende bereiten. Es drängt sich mir geradezu der Eindruck auf, als ob die Kunsthochschule zugunsten der Uni kaputtgespart worden ist.

Und noch etwas ist geradezu unglaublich. Ganz offene Frage: Warum wird das documenta-Institut nicht neben die Kunsthochschule gebaut? Warum kehrt die documenta auf diese Art und Weise nicht wieder zu ihren Wurzeln zurück? Schließlich war der „Vater der documenta“ Arnold Bode der erste Präsident der Kunsthochschule. Soll das übrigens ein schlechter Scherz sein, dass in diesem Institut weder ein Kunstprofessor, noch ein Kunsthistoriker zu finden sein wird? Noch kann das gestoppt werden. Es wird langsam Zeit, dass die Kunsthochschule selbstständig wird und ihr der verdiente Respekt entgegen gebracht wird.

Mit geharnischten Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Als es darum ging, den Standort des Obelisken festzulegen, haben Leute entschieden, die wahrscheinlich noch den röhrenden Hirsch zuhause über dem Sofa hängen haben. Die Kunstprofessoren und Künstler wurden nicht gefragt. Deren Urteil ist klar: „Der Obelisk soll bleiben, wo er ist.“

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