Briefwechsel: Schmierentheater der übelsten Sorte

Sehr geehrte Mitarbeiter der documenta 14, trotz der geradezu unglaublichen Arbeitsleistung...

...durch die Sie alle die Doppel-documenta erst möglich gemacht haben, können Sie sich doch sicher noch an den geradezu unglaublichen Angriff der AfD auf den Obelisken erinnern. Entstellte Kunst sei das, wurde gegeifert. Und das von einer Partei, die in den rechten Fußstapfen der NSDAP wandelt und immer wieder das Vokabular von Hitler, Himmler und Co nutzt. Natürlich nur, um anschließend zu betonen, es sei ihnen völlig unbekannt gewesen.

Ich gehe davon aus, dass es den Mitgliedern der Kasseler AfD jedenfalls völlig unbekannt war, dass die Nationalsozialisten Kunstwerke, die ihnen nicht passten, als entartete Kunst bezeichnet und sie zerstört haben. Bücher wurden gern verbrannt. An die Bücher hat uns der phantastische Parthenon auf dem Friedrichsplatz hundert unvergessliche Tage lang erinnert. Nach dem unsäglichen Angriff auf den Obelisken, der schon längst zum Mittelpunkt des Königsplatzes ge worden ist, muss ich feststellen, dass dieses Kunstwerk für mich zum Denkmal für alle Kunstwerke geworden ist, die damals von den Nazis und heute von der AfD an gegriffen und diffamiert worden sind.

Für mich steht damit fest, dass dieser Obelisk in Kassel bleiben muss. Dieses Kunstwerk muss uns daran erinnern, dass diese Stadt in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts so schnell braun geworden ist. Er muss daran erinnern, dass Kassel in einer einzigen Bombennacht für die damalige Dummheit, für Stolz, Feigheit und Ignoranz so bitter bestraft worden ist. Auf die Fackelzüge der Soldatentage folgten die verheerenden Großbrände der Bombennacht mit 10.000 Toten.´

Doch das kann man offensichtlich schnell wieder vergessen. Und wieder greifen die Nachfolger der Nazis die Kunst an. Statt entarteter heißt es jetzt entstellte Kunst. Meine Oma hätte jetzt versucht, hier vermittelnd ein zugreifen: „Benehmen ist Glückssache, und manche Leuten haben eben kein Glück.“

Doch so leicht geht das nicht. Schon hinter dem Angriff auf den Obelisken steckte System. Das zeigt jetzt die Anzeige gegen die Verantwortlichen der documenta. Es gibt genug politische Möglichkeiten, um Sachverhalte aufzuklären, doch daran hat diese Partei offensichtlich überhaupt kein Interesse. Geradezu Hohn ist die abschließende Bemerkung, der Partei gehe es mit dieser Anzeige um Aufklärung und Transparenz und nicht um die Diskreditierung einzelner Personen. Das wird das Ergebnis: „Nazis greifen documenta an“ werden wir demnächst rund um den Erdball lesen. Eine tolle Werbung für Kassel und die Weltausstellung. Danke, AfD!

Mit enterbten Grüßen
Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Wenn Dummheit quietschen würde, könnte man mitunter pausenlos mit der Ölkanne durch die Stadt rennen. 1,1 Millionen Besucher könnten wir feiern, rund 250 Millionen Euro, die in die Stadt geflossen sind. Und was machen wir?

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Klau-Tour zweier Jugendlicher durch sieben Geschäfte endet mit Festnahme

Die beiden 16-Jährigen wurden am Mittwochabend von einem Ladendetektiv erwischt und schließlich festgenommen.
Klau-Tour zweier Jugendlicher durch sieben Geschäfte endet mit Festnahme

Kassel: Mutmaßlicher falscher Polizist vor Gericht - Er wollte Seniorin um rund 188.000 Euro betrügen

Dem 36-Jährigen aus dem Landkreis Coesfeld wird gemeinschaftlichen Betrug vorgeworfen. Er soll für eine Tätergruppe aktiv geworden sein, die durch die Betrugsmasche …
Kassel: Mutmaßlicher falscher Polizist vor Gericht - Er wollte Seniorin um rund 188.000 Euro betrügen

Exhibitionist mit heruntergelassener Hose in der Innenstadt festgenommen

Der Mann entblößte sich am Dienstagnachmittag in der Kasseler Kurfürstenstraße vor der Beifahrerin eines Autos.
Exhibitionist mit heruntergelassener Hose in der Innenstadt festgenommen

Erneuter Einbruchsversuch in Kiosk auf Königsplatz - Zeuge nimmt 13- und 18-Jährigen fest

Nachdem Unbekannte in der Nacht zum Dienstag versuchten in den Kiosk auf dem Königsplatz in der Kasseler Innenstadt einzubrechen, kam es dort in der Nacht zum heutigen …
Erneuter Einbruchsversuch in Kiosk auf Königsplatz - Zeuge nimmt 13- und 18-Jährigen fest

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.