Briefwechsel: "Treten Sie zurück, Herr Saygin!"

Chefredakteur Rainer Hahne richtet seinen Briefwechsel diese Woche an Kamil Saygin.

Sehr geehrter Herr Kamil Saygin,

Sie sind der Vorsitzende des Ausländerbeirats der Stadt Kassel, ein ruhiger, zurückhaltender Mensch. Früher hätte man gesagt: "Er kann keiner Fliege etwas zuleide tun." Wenn wir von Ihnen eine Aussage zu einem strittigen Thema haben wollten, haben Sie sich gewunden wie ein Aal. Und gerade zu dem Thema Erdogan war aus Ihnen nichts, aber auch gar nichts heraus zu holen. Es war ihnen anzumerken, dass Sie Angst hatten, nicht mehr in die Türkei zurückkehren zu können.

Damit das nicht passiert, haben Sie gekuscht, haben zugelassen, dass Erdogans AKP in Kassel machen konnte was sie wollte, ohne dass Sie als Ausländerbeirat korrigierend eingeschritten wären. Das alles kann man noch so halbwegs akzeptieren. Nicht jeder ist als Märtyrergeboren. Doch Ihre Aussagen im Anschluss an das ganz offensichtlich gefälschte Referendum in der Türkei haben mir die Sprache verschlagen. Sie hatten eine Mehrheit für die Verfassungsänderung erwartet. Vielleicht sogar erhofft, denn Sie stellen gar nicht die Frage, ob Wahlfälschung vorliegt oder nicht, sondern verlangen, dass jeder die Entscheidung des Volkes akzeptieren müsse. Herr Saygin, dazu zwei Punkte. Erstens: Mich interessieren in erster Linie die Wahlergebnisse in Deutschland.

Wenn die Türken in der Türkei in der Mehrheit in einer Diktatur leben möchten und gerne Mitmenschen hängen, köpfen oder wie auch immer mit dem Tode bestrafen, ist das eine Sache. Wenn aber Leute, die bei uns in Deutschland leben und hier die Vorzüge unserer Demokratie genießen dafür sorgen, dass ihre Landsleute mit einer Diktatur geschlagen werden, widert mich das an. Es fällt mir überhaupt nicht ein, das zu akzeptieren. Denn zweitens: Wir Deutschen sind Fachleute darin, wie man aus einer Demokratie eine Diktatur macht. Wir hätten alle Schritte von Erdogan mitsingen können, denn Adolf Hitler hat es genauso gemacht. Erst ein Weltkrieg hat diesem Mann das Handwerk gelegt.

Seitdem sind wir sehr empfindlich geworden. Geradezu unglaublich finde ich es, dass Sie verurteilen, dass in Deutschland in den Schulen die politische Lage in der Türkei Thema ist. Das finden Sie nicht gut. Wie niedlich! Wenn die Lehrer am Beispiel Türkei nicht aufgezeigt hätten, wie zerbrechlich eine Diktatur ist, wären sie ihr Geld nicht wert. Und den Eltern, die es nicht glücklich finden, dass dort die negativen Tendenzen aufgezeigt worden sind, kann ich nur sagen: "Ja, um Gottes willen, was ist daran positiv?" Sie haben ihr eigenes Parlament entmachtet und alle Macht in die Hand eines einzigen Mannes gegeben. Vorsichtig ausgedrückt ist das an Dummheit nur schwer zu überbieten.

Mit diktatorischen Grüßen
Rainer Hahne
Chefredakteur

P.s. Herr Saygin, ich glaube allmählich, Sie gehören zu den Menschen, die Demokratie nicht verstanden haben. Toleranz gegen Diktatoren gehört garantiert nicht zur demokratischen Vorgehensweise. Damit fangen wir nicht mehr an!

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