Briefwechsel: Verhüllt im Rampenlicht

Sehr geehrter griechischer Sagenheld Herkules,seit dreihundert Jahren wachst Du über Nordhessen. Hast nichts wie ein paar Äpfel und eine Keule in den Händen. Weder Hemd noch Höschen haben Dich in all den Jahren vor Wind und Wetter geschützt.

Das ist jetzt anders – zumindest im Internet. Unsere mitunter recht merkwürdigen amerikanischen Freunde haben dafür gesorgt, dass jetzt ein rotes Badehöschen Deine Blöße bedeckt.

Facebook hat zwar keine Probleme damit, wenn gehetzt wird wie verrückt, wenn alle Bekloppten dieser Welt ungehemmt zu Wort kommen, wenn Rechtsradikale aller Länder ihre irren Ideen ungehindert verbreiten. Aber Facebook hat ein Problem damit, wenn eine dreihundert Jahre alte Blechfigur ihren bloßen Hintern der Abendsonne entgegen reckt. Irgendwie krank die ganze Nummer!

Dir kann es egal sein. Du schaust runter auf Kassel und denkst Dir Deinen Teil, wenn Du siehst, dass nicht Dein Poppes mit einer riesigen roten Badehose, sondern die Torhäuschen auf der Wilhelmshöher Allee mit Sackleinen verhüllt werden.

Und auch hier passiert, was Du zuletzt feststellen musstest. Kaum verhüllt man sich mehr oder weniger, steigt das Interesse. Einige Damen sollten über dieses Phänomen mal nachdenken. Du, lieber Herkules, wirst eher über die Amerikaner nachdenken. Dieser Mischmasch aus Völkern aller Welt, der sich oft so religiös darstellt und darunter leidet, wenn Du Dein Hinterteil unverhüllt zur Schau stellst, hat andererseits kein Problem damit, der Welt die übelsten Pornoschinken aller Zeiten zu “schenken“. Diese Christen haben mit unfassbarer Grausamkeit die Ureinwohner eines ganzen Kontinents fast ausgerottet. Und auch heute noch müssen wir jederzeit damit rechnen, dass sie außenpolitisch mal wieder den Revolver ziehen, um von geradezu unfassbarer innenpolitischer Naivität abzulenken.

Sorgen könntest Du Dir auch um die amerikanische Idee der ungebremsten Umweltverschmutzung machen. Dreck in der Luft kennt keine Grenzen. Und Du, lieber Herkules, stehst seit Jahrhunderten auf einem Tuffstein, der kaum einem normalen Regen stand hält. Von saurem Regen wollen wir mal ganz schweigen. Vielleicht kommt ja demnächst irgend so ein Christo auf den Gedanken, Dich mal komplett zu verhüllen – um Dich vor den Umweltgiften zu schützen. Wahrscheinlich bist Du dann so beliebt und gefragt wie noch nie, und jeder wird Dir unter die Verhüllung kriechen. Jetzt hast Du ja nichts zu verstecken. Aber schon ein kleines rotes Badehöschen verändert die Welt. Putzig!

Mit verhüllten Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Wie gefällt Dir denn der Obelisk? In diesem Jahr wird Dir von der documenta ja so oft im Außenbereich die Show gestohlen wie selten zuvor. Der Parthenon aus Büchern gebaut, die Blutmühle, der Obelisk, die verhüllten Torhäuser. Kaum jemand schaut zu Dir....

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