Briefwechsel: Das waren damals noch Zeiten

Sehr geehrter Willi Waldhoff, sehr geehrter Günther „Eppo“ Reeb, wer sich Gedanken darüber machen will, wie sich die Gastronomie in den nächsten Jahren entwickeln wird, muss sich erst einmal mit Urgesteinen dieser Branche wie euch unterhalten.

Denn wie heißt es so schön: Wer nicht weiß, wo er her kommt, weiß auch nicht, wohin es gehen wird. Mehr als 45 Jahre lang habt ihr beide Akzente in der Gastroszene gesetzt. Bei Dir, lieber Willi Waldhoff, habe ich oft genug erlebt, wie Du in Deutschlands Großstädten in jede Gaststätte hinein geschaut hast, immer auf der Suche nach Neuerungen, die auch in Kassel für Furore gesorgt hätten. Die Diskussionen darüber werde ich wohl nie vergessen. Ja, Du hast immer mitgeholfen, die nordhessische Gastronomie auf der Höhe der Zeit zu halten. Und das war schwer genug, denn die Zeit änderte sich und damit ständig auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Gastronomen und ihre Gäste. Das musstest gerade Du, lieber Eppo, immer wieder hautnah miterleben.

Mit dem sagenumwobenen Wumpieck („Jeder Lumpi geht ins Wumpi.“) in der Treppenstraße hast Du den absoluten Höhepunkt der Kneipengastronomie erlebt. Der Gast kam früh, trank mehr als seinen Feierabendschoppen. Die Kneipe war brechend voll, mancher Gast auch. Gesprächen konnte man nicht aus dem Weg gehen. Und wenn es ganz schlecht lief, hatte man auch noch eine Frau fürs Leben gefunden. Kleiner Scherz am Rande. Und Runden gab es damals noch. Ein einzelnes Bier wie heute wurde kaum bestellt. Kein Wunder also, dass eines der häufigst gehörten Geräusche der Glockenklang war, der bei jedem Fassanstich ertönte. Aus, Schluss und vorbei. Nur wenige Kneipen haben die gesellschaftlichen Änderungen überlebt. Die „Fliege“ im- Wolfsanger zum Beispiel. Dort treffen sich schon früh die Rentner zum abendlichen Schoppen.

Es folgen die Arbeitnehmer und am späteren Abend die Sportler. Und am Wochenende wird Musik gemacht. Ein erster Ansatz von Erlebnisgastronomie in kleinem Rahmen. Aber Stammtische gibt es auch dort kaum noch. Diese Institution, die uns Deutsche durch das Kaiserreich, das 1000jährige Reich bis in die Neuzeit begleitet hat, stirbt allmählich aus. Die „Lufthoheit über den Stammtischen“ haben Politiker wie Franz-Josef Strauss immer wieder erobern wollen. Hier wurde Politik gemacht. Manchmal frage ich mich, wo sie heute eigentlich gemacht wird und wo so mancher seine politische Meinung eigentlich her hat. Es schweigt des Sängers Höflichkeit.

Mit feucht-fröhlichen Grüßen
Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. VW-Chef Müller ist sicher froh, dass es kaum noch Stammtische gibt, sonst hätten ihm nach seiner tollen Idee, dass die skandalgeschädigten Dieselfahrer jetzt keine Entschädigung bekommen, sondern eine Dieselstrafsteuer, die Ohren aber dermaßen geklungen.

Lesen Sie auch: Wo sind die Kneipen hin? Günther "Eppo" Reeb und Willi Waldhoff erklären das Kneipensterben

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