Briefwechsel: Warum ausgerechnet Walter?

EXTRA TIP Chefredakteur Rainer Hahne widmet seinen Briefwechsel dem verstorbenen Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Mein lieber Freund Walter Lübcke,

ich sitze vor meinem Schreibtisch und kann es immer noch nicht glauben, dass einer der beliebtesten Regierungspräsidenten Deutschlands durch eine Gewalttat aus dem Leben scheiden musste. Wie oft war ich mit Dir unterwegs. Wie oft habe ich gesehen, wie Du mit Deiner herzlichen offenen Art die Menschen für Dich eingenommen hast.

Was haben wir noch für einen Spaß gehabt bei unserem jährlichen Gesundheitsurlaub in Oberstaufen. Jeden Tag eine Stunde Schwimmen, zwei Stunden Fitnesstraining und dann wurde gewandert. Und auch die Lebensfreude kam nicht zu kurz. Du hast Dich schon auf die Zeit nach Deinem Berufsleben vorbereitet, hast immer gefrozzelt, dass Du gerade zum zweiten Mal Rente bekommst. Deine Familie sollte dann ganz im Mittelpunkt stehen. Die Bilder vom kleinen Karle, Deinem ersten Enkel, hast du uns jeden Morgen gezeigt. Deine Jungs, Dein Enkel waren Dein ganzer Stolz. Natürlich auch Dein Regierungspräsidium, dass Du über zehn Jahre geleitet hast. In den hundert Jahren des Bestehens hatte Dich nur einer übertroffen. „Aber es ist ja noch nicht zu Ende“, hast Du immer mit einem Augenzwinkern gesagt. Doch. Es ist zu Ende.

Ausgerechnet Du, einer der liebenswürdigsten und hilfsbereitesten Menschen, die ich kennenlernen durfte, lebst nicht mehr. Der kleine Karle muss ohne Dich groß werden. Irmgard, der Fixstern Deines Lebens, die sich auf viele schöne, ruhige Jahre mit Dir gefreut hatte, muss ohne Dich auskommen. Und Nordhessen? Noch am Mittwoch hatten wir nach dem Training über den überraschenden Tod von Regionalmanager Holger Schach gesprochen. Du wolltest mit Deiner Frau Sonntag für drei Tage in den Kurzurlaub fahren, damit Du Donnerstag bei der Trauerfeier dabei sein kannst. Und natürlich haben wir darüber gesprochen, dass eine wichtige Triebfeder für die nordhessische Wirtschaft ausgefallen ist.

Du hattest nicht nur dem Regionalmanagement immer geholfen, insbesondere bei der EXPO REAL in München, der weltgrößten Standortmarketingmesse der Welt. Jetzt seid Ihr beide nicht mehr. In Nordhessen sind die Menschen geschockt. „Was ist aus unserem Land geworden“, werde ich immer wieder gefragt. „Warum wird so ein Mensch umgebracht?“

Das Echo bundesweit ist durchsetzt von unfassbar hässlichen Kommentaren. Die Rechtsradikalen feiern Deinen Tod. Du hast ihnen damals auf die Füße getreten, als die Flüchtlinge gekommen sind. Das haben Dir diese erbärmlichen Gestalten nie vergessen. Denn auch das warst Du – ein Mann der klaren Worte.

Mit traurigen Grüßen, Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Es gibt Menschen, die sterben, und es ändert sich nichts. Du warst immer und überall unterwegs. Warst ein Problemlöser und kein Problemfinder. Jetzt ändert sich alles!

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