Das Brot wachsen sehen...!!!

Chefredakteur Rainer Hahne richtet seinen Briefwechsel an Kerstin und Klaus Hanke

Sehr geehrte Kerstin und Klaus Hanke, seit 1930 gibt es Eure Bäckerei in Wolfsanger in der Fuldatalstraße. Damals gab es dort noch drei Bäckereien. Heute seid nur noch Ihr da. Die Supermärkte und Tankstellen mit ihren Aufbackanlagen haben nur Euch übrig gelassen.

Nach einer jahrelangen Dürreperiode um die Jahrtausendwende geht es wieder aufwärts mit dem traditionellen Bäckerhandwerk. Immer mehr Kunden sind bereit für ein Brötchen, ein Brot nach Großvaters Rezept mehr zu bezahlen. Sie wissen, dass der Teig bei Euch noch Zeit zum Reifen bekommt. Sie spüren es, dass ein morgens gekauftes Brötchen auch abends noch knackig ist. Für den Kundennachwuchs tut Ihr auch eine Menge. Bei Euch braucht man sich nicht zu wundern, wenn auch mal eine Kindergartengruppe andächtig staunend zuschaut wie aus einem Teig Brötchen oder Brot wird.

Es ist schon mein ganz besonderes Gefühl für die Kleinen, wenn sie im Laufe des Jahres sehen wie das Korn in Wolfsanger bei Appels wächst, wenn sie erfahren, dass es in Vellmar in der „Pariser Mühle“ zu Mehl gemahlen und in „ihrer“ Bäckerei zu Brot und Brötchen verarbeitet werden. Dann schmeckt das Brötchen gleich mal doppelt so gut.

Doch was nutzt das alles, wenn immer weniger Jugendliche bereit sind, morgens um drei Uhr mit der Arbeit anzufangen. Dann kann man den regelmäßigen Disco-Besuch an den Haken hängen. Geradezu tragisch wird es schon fast, wenn ein junger Mann, der bei Euch gearbeitet hat, der den gut geführten, alt eingesessenen Laden übernehmen könnte, lieber in die Fabrik wechselt, weil es dort tausend Euro mehr gibt.

Es tröstet Euch sicher nur wenig, aber Ihr seid keine Ausnahme. Als meine Stammfriseurin auf Wange-rooge aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste, hat sie auch keine Nachfolger gefunden. „Dabei lief der Laden so gut, aber die Jugendlichen kommen nicht zu uns, weil bei uns keine Autos fahren“, erklärte mir eine Nachbarin kopfschüttelnd.

In der Handwerkskammer Kassel schaut man auch sorgenvoll in die Zukunft. Tausende Betriebe suchen in den nächsten Jahren einen Nachfolger für den Chef. Sie haben genauso viel Problem wie Ihr.

Die Bundesregierung hilft da auch nicht gerade. Asylbewerber, die zu uns kommen und nicht anerkannt werden, müssen uns wieder verlassen, auch wenn sie eine Ausbildung gemacht und sich toll integriert haben. Verstehen könnt Ihr das nicht, würdet trotzdem einen Asylbewerber einstellen in der Hoffnung, dass die politische Lage sich wieder beruhigt.

Ich drücke Euch dabei auf jeden Fall die Daumen.

Mit appetitlichen Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Schon bei Euch in den Laden zu kommen, ist ein Zeitsprung in die gute alte Zeit, als der Bäcker und seine Frau die Kunden noch persönlich kannte. Hier kennt man sich, hier tauscht man Informationen aus. Das schätzen wir. Das soll so bleiben!

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