Briefwechsel: Blick zurück im Zorn

Chefredakteur Rainer Hahne richtet seinen Briefwechsel zum Thema Miethaus für Flüchtlinge an Oberbürgermeister Christian Geselle.

Sehr geehrter Oberbürgermeister Christian Geselle, na, das sind ja unruhige Zeiten. Jede Menge Ärger rund um ein Miethaus für Flüchtlinge.

Aber damit mussten Sie eigentlich rechnen. Jeder Mieter und Vermieter zuckt erst einmal zusammen wenn er hört, dass das Haus 125.000 Euro im Monat kostet, wenn Flüchtlinge drin wohnen und nur 25.000 Euro Miete bringt, wenn Otto Normalmieter drin ist. Das erfordert schon einmal eine klare und deutliche Erklärung. Wenn man dann hört, was alles in diesem Preis inbegriffen ist, wird der eine oder andere Skeptiker schon mal wieder ruhiger.

Möbliert und warm? Mit Großküchen und Gemeinschaftsräumen? Mit einem Kinderspielplatz? Mit Hausmeistern und Bewachung? Mit allen Schönheitsreparaturen und Versicherungen?

Da relativiert sich der Preis schon einmal. Wenn man dann noch weiss, dass normalerweise vielleicht hundert Personen in diesem Block leben, er aber für bis zu 278 Flüchtlinge vorgesehen war, läßt die Begeisterung der Immobilienbesitzer immens nach.

Nach acht Jahren ist an so einem Haus der Lack ab. Aber restlos. Der Betreiber hat aber Glück gehabt. Die vorhergesagten Flüchtlingsströme sind restlos ausgeblieben. Wir lassen Griechenland, Italien und Spanien mit ihren Problemen im Stich. Und das Wohnblock im Akazienweg steht dem normalen Wohnungsmarkt zur Verfügung.

Da kann man leicht vollmundig rumtönen, dass die Stadt das Geld veruntreut habe. Doch es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich gut an das Jahr 2015 erinnern können, als tagtäglich hunderte Flüchtlinge aus Gießen nach Nordhessen transportiert wurden. In Calden, In Hessich-Lichtenau, in Schwarzenborn entstanden Zeltstädte. Überall in den Kreisen wurden leerstehende Häuser angemietet. Der Bischof wollte die Kirchen öffnen.

Ich war fast täglich in den Erstaufnahmelagern unterwegs, habe mit den Menschen gesprochen, die dort gearbeitet haben, mit den Flüchtlingen, die zum, Teil völlig erschöpft und krank nach ihren Wegen durch die halbe Welt ankamen. Anfangs war das noch völlig chaotisch, doch dann funktionierte die Bürokratie wieder. Als in Lohfelden angemahnt wurde, dass die Flüchtlinge doppelt soviel Zucker in den Tee rühren wie geplant, wusste ich, wir sind wieder auf dem normalen deutschen Weg.

Sie, Herr Geselle, haben die geplante Anmietung des Gebäudes im Akazienweg durch sechs Ämter und die Deuzernetnen prüfen lassen. Das Land hat sie gelobt. Doch das nützt nichts. Es weiss kaum noch einer, wie das damals – 2015 – war, als sich in wenigen Wochen der Preis für ein Klappbett verdoppelt hatte. Vergesslichkeit kann heilsam sein.

Mit flüchtigen Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Haben Sie damals eigentlich eine Pressekonferenz gemacht und die Anmietung des Hauses verkündet? Ach herrje, jetzt geht es mir schon genauso. Im Chaos dieser Zeit ist einiges verloren gegangen.

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