Christoph 7-Notarzt Florian Franz aus Kassel: "Jeder kann Lebensretter sein"

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Leben zu retten gehört für Florian Franz, Oberarzt in der Kardiologie der DRK Kliniken Nordhessen,  zum Berufsalltag. Im Interview erklärt der Christoph 7-Notarzt, warum jeder sich mit Erste Hilfe-Maßnahmen vertraut machen sollte.

Wenn Notarzt Florian Franz mit dem Christoph 7 im Anflug zu einem Patienten in lebensbedrohlicher Situation ist, sind bereits wichtige Minuten vergangen. Und die können – durch Ersthelfer richtig genutzt – die Überlebenschance eines Opfers verdoppeln. „Prüfen, rufen, drücken”, lautet die goldene Regel. Und letzteres meint die Reanimation bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand.

Kassel.  Wenn Florian Franz gerufen wird, geht es um Minuten. Ja, sogar Sekunden können entscheidend sein, wenn sich Menschen plötzlich an der Schwelle zwischen Leben und Tod befinden. Das richtige zu tun, überhaupt etwas zu tun, fällt vielen schwer, die Zeuge eines Unfalls oder medizinischen Notfalls werden. Der Erste-Hilfe-Kurs, Pflicht für den Führerschein, liegt häufig Jahre wenn nicht sogar Jahrzehnte zurück. Wir sprachen mit Florian Franz (33), der als Notarzt der DRK Kliniken Nordhessen im Team des Rettungshubschraubers Christoph 7 im Einsatz ist, über seine Erfahrungen.

Herr Franz, schon Mal ein Leben gerettet? 

Ja, zum Glück kommt es immer wieder mal vor, dass z.B. Wiederbelebungen erfolgreich sind. Allerdings ist es das eine ein Leben zu erhalten aber das Entscheidende ist es, dass die Menschen nach einer Wiederbelebung wieder ohne größere Einschränkungen am Leben teilhaben können. Und genau dafür ist es wichtig, dass Ersthelfer in einer Notfallsituation nicht warten bis der Rettungsdienst da ist, sondern sich trauen sofort die ersten Schritte einzuleiten. Bei den meisten, kleineren Notfällen klappt das in der Regel sehr gut. Der Notruf wird abgesetzt, Wunden werden versorgt oder der Patient wird ganz einfach nicht alleine gelassen. Aber bei einem der größtmöglichen Notfälle, nämlich einem Kreislaufstillstand wird viel zu oft zu wenig unternommen.

Warum ist es so wichtig, dass Ersthelfer Rettungsmaßnahmen einleiten?

Wie eben schon kurz erwähnt, können wir als Profis Herz und Kreislauf oft wiederherstellen und “reparieren“, das Überleben des Gehirns hängt aber von den Ersthelfern vor Ort ab. Mit jeder Minute ohne Sauerstoff sterben Nervenzellen im Gehirn unwiederbringlich ab. Bei einem Kreislaufstillstand kann das Herz sauerstoffhaltiges Blut nicht mehr zum Gehirn und den anderen Organen transportieren. Daher ist es entscheidend, die Phase des Stillstandes so kurz wie möglich zu halten.

Was kann jeder tun – und welche weiteren Schritte helfen? 

Wenn ein Mensch nicht mehr atmet, sollte als allererstes um Hilfe gerufen werden. Dann sollte der Notruf bei der Leitstelle unter 112 erfolgen. Im besten Fall durch die zur Hilfe gerufene Person, ansonsten muss man dies selbst tun. Dann sollte schnellstmöglich die Wiederbelebung begonnen werden. Zusammenfassend kann man sich merken: Prüfen – Rufen – Drücken.

Viele Menschen, die untätig bleiben, berichten anschließend dass sie Angst hatten etwas falsch zu machen. Gibt es gefährliche Fehler bei der Erstversorgung?

 Der größte Fehler ist, nichts zu tun. Eine lebenserhaltende Herz-Druck-Massage kann eigentlich jeder schaffen. Hierzu sollte man ca. 100 mal pro Minute (im Rettungsdienst wird gerne empfohlen sich als Taktgeber am Bee Gees-Hit „stayin alive“ zu orientieren) in der Mitte des Brustkorbs mit durchgestreckten Armen beherzt zu drücken (ca. 5-6 cm tief). Diese Maßnahme sollte nicht beendet werden bis der Rettungsdienst einen dazu auffordert. Wer es sich zutraut kann auch im Verhältnis 30:2 eine Mund zu Mund Beatmung durchführen. Man sollte sich in so einer Notsituation immer vor Augen halten, dass man den Patienten nicht kränker machen kann, als er schon ist.

Wie ist ihre Einschätzung zum Wissensstand bei der Bevölkerung zu Erste-Hilfe-Maßnahmen?

 Es gibt viele Menschen die z.B. über Angebote ihres Arbeitgebers regelmäßig in erster Hilfe geschult werden. Allerdings erleben wir leider im Rettungsdienst immer wieder, dass in weiten Teilen der Bevölkerung große Unsicherheit bezüglich Erstmaßnahmen herrscht. Daher ist es schön und wichtig, dass durch Aktionen wie die bevorstehende „Woche der Wiederbelebung“ mediale Aufmerksamkeit erzeugt wird und über das Thema gesprochen wird. Im besten Fall werden so Berührungsängste abgebaut. Wem jetzt auffällt, dass sein letzter Erste Hilfe Kurs schon viele Jahre zurück liegt und sich deswegen unsicher fühlt, könnte über einen Auffrischungskurs nachdenken.

Was könnte hilfreich sein? 

An vielen Ecken im Stadtgebiet Kassel sind AEDs (Automatisierter Externer Defibrillator) angebracht. Diese modernen Defibrillatoren leiten den Ersthelfer computerbasiert bei der Wiederbelebung eines Patienten an und sagen genau was zu tun ist. Mit dieser Hilfe schaffen es auch ängstliche oder unsichere Ersthelfer adäquat zu helfen. Leider ist es den meisten Menschen unbekannt, dass diese Geräte existieren und wo sie zu finden sind.

Viele denken gleich an Verkehrsunfälle, wenn es um Erste Hilfe geht... 

Notfälle gibt es in allen Lebensbereichen. Es kommt auch durchaus vor, dass junge Menschen beispielweise bei sportlicher Betätigung einen Herzstillstand erleiden. Viele medizinische Notfälle treten auch zu Hause, in den eigenen vier Wänden auf. Daher sollte jeder mit dem Bewusstsein leben, dass Erste Hilfe jederzeit nötig sein kann. Bei bewusstlosen, noch atmenden Patienten ist die stabile Seitenlage immer hilfreich. Es wäre toll, wenn jeder die Basics beherrschen würde – aber natürlich soll jeder sofort den Rettungsdienst alarmieren, wenn er es für nötig hält. Eine erfolgreiche Wiederbelebung ist nicht alleine durch den Rettungsdienst zu schaffen. Um ein Leben zu Retten braucht es ein Teamwork aus mutigen Ersthelfern und uns Fachleuten. Lieber kommen wir einmal mehr, als zu wenig!

EXTRA INFO

Zeitfenster nutzen

 Jedes Jahr erleiden mindestens 50.000 Menschen in Deutschland einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb des Krankenhauses. Ihre Überlebenschance hängt an wenigen Minuten. Denn das Gehirn beginnt bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand bereits nach nur 3-5 Minuten ohne Blutfluss unwiederbringlich zu sterben. Das ist ein wichtiges Zeitfenster, in dem man mit einer sofortigen Herzdruckmassage Leben retten kann, zumal der Rettungsdienst im Durchschnitt acht Minuten oder länger bis zum Eintreffen braucht. Die Überlebenschancen Betroffener verdoppeln bis verdreifachen sich, wenn rechtzeitig mit der Reanimation begonnen wird.

 App Empfehlung: „Kassel schockt“ vom ASB Kassel. Mithilfe dieser App wird umgehend Ihr Standort geortet, wenn Sie einen Notruf absetzen sowie das nächste öffentlich verfügbare AED Gerät geortet.

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