Corona verbindet: Wie man in der Krise merkt, wer und was wirklich zählt

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Müsli ohne Milch? Gut, wenn man Freunde hat, die an einen denken.

Das Coronavirus hat ziemlich viel auf den Kopf gestellt. Doch es bringt auch positives zutage: Freundschaft, Zusammenhalt und Rücksichtnahme - Klopapier verbindet.

Kassel. Seit knapp zwei Wochen hat das Coronavirus nicht nur mein Leben auf den Kopf gestellt. Alle in meinem Umkreis erfahren die weitreichende Folgen, die sich größtenteils negativ auf das Leben auswirken. Die Angst vor Kurzarbeit, Einsamkeit, abgesagte Veranstaltungen... Beim abendlichen Spaziergang mit einer Freundin sagte sie mir „Ich dachte, dass wird der Sommer meines Lebens – und nun das!“ Eigentlich hatte sie vor kurzem erst Kassel verlassen, arbeitete die vergangenen Tage aber von ihrer Heimat aus. Wir hatten uns lange Zeit nicht gesehen, kaum Kontakt gehabt, doch durch die unmittelbare Nähe unserer Homeoffice kamen wir über Instagram ins Gespräch. Wir verabredeten uns spontan nach Feierabend zum Beine vertreten. Es war wie früher – lustig, locker, unbedarft. Ohne Coronavirus hätten wir uns vermutlich eher nicht gesehen.

Gesichtsmasken mit Lama-Muster werden demnächst die Mitarbeiter eines Pflegeheims schützen.

Doch nicht nur Menschen, mit denen man vielleicht nicht mehr so viel zu tun hat, rücken wieder in den Fokus. Es sind die kleinen Momente, wo man plötzlich mitbekommt, wie viele in der Not für einen da sind. Und sei es nur, dass eine Freundin vor einem vollen Milchregal im Supermarkt steht, mich anruft und fragt, ob sie mir ein Päckchen mitbringen soll, da sie weiß, dass ich gestern noch mein Müsli mit Wasser essen musste. Man hilft sich. Gerade in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Als eine gute Freundin und Einrichtungsleiterin eines Seniorenzentrums in unserer Freunde-Whatsapp-Gruppe von ihrer Not bezüglich fehlender Schutzmasken für ihre Mitarbeiter berichtete, boten direkt zwei Freunde an, welche nach Anleitung zu nähen. Schnittmuster wurden ausgetauscht und schon eine halbe Stunde später die ersten Exemplare präsentiert. Die Pflegefachkräfte werden also demnächst besser geschützt sein – und dabei noch stylische Masken mit Lama-Muster tragen.

Man achtet aufeinander – jetzt mehr denn je

Aufgrund des Kontaktverbotes ist es momentan ja leider schwierig sich im realen Leben zu sehen. Über Videocalls sieht man seine Kollegen (sowie deren Kinder und Haustiere im Hintergrund) dennoch täglich und fühlt sich nicht so ganz alleine. Man telefoniert mit der besten Freundin während man kocht, in der Badewanne sitzt, Pflanzen umtopft – Hauptsache, man verliert sich nicht aus den Augen. Man kann die momentane Situation natürlich auch dazu nutzen, um unliebsame Personen aufs Abstellgleis zu schieben. „Du, ich halte es für richtig, wenn wir uns erst einmal nicht mehr sehen. Du weißt, Corona und so. Ich melde mich, wenn alles vorbei ist...“ Soll es auch schon gegeben haben und ich frage mich, wann der Begriff ‚Ich wurde coronat‘ im Internet viral geht.

Auch über Klopapier-Deals kann man ins Gespräch kommen.

Zuhause bleiben und das damit verbundene Social Distancing führen dazu, dass man sich noch mehr auf sich selbst und die eigenen vier Wände konzentriert. Gesichtsmasken, Haarkuren, Kaltwachsstreifen... Vermutlich steht nicht wegen des Klopapiervorrats ein Türsteher vor meiner Drogerie. Und auch meine Wohnung ist so aufgehübscht wie selten. Die Pflanzen haben nun größere Töpfe, mein Boden ist gesaugt und gewischt, mein Kleiderschrank ist neu sortiert und selbst meine Spüle glänzt. Es fehlen eigentlich nur die Fenster, die (noch) einen ergrauten Blick auf die Außenwelt zulassen. Apropos Außenwelt. Ist man dann doch einmal draußen vor der Tür und trifft auf andere Menschen, achte alle jeweils auf den anderen. Nicht nur wegen der Wahrung des Abstands, sondern auch, um einfach mal nett ‚Hallo‘ zu sagen oder ein Lächeln zu schenken. Das betrifft vielleicht nicht unbedingt diejenigen, die schon kurz nach Ladenöffnung um Klopapier und Küchenrolle rangeln, aber doch die meisten anderen. Generell ist das Einkaufen mit das größte Thema: Wo bekomme ich noch was?

Gerade hier tauscht man die ‚Geheimtipps‘ aus, um vielleicht doch noch die Lieblings-Nudelsorte zu ergattern. Ich selbst bekam schon das ‚unmoralische Angebot‘ zwei Rollen meines 5-lagigen Deluxe Klopapiers gegen zwei Packungen Marken-Nudeln zu tauschen... Auch hier kam ich wieder mit jemanden ins Gespräch, mit dem ich lange Zeit keinen Kontakt mehr hatte. Auch Klopapier verbindet.

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