"Sind systemrelevant für die Region":  Interview mit DRK-Geschäftsführer Alexander Lottis

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Alexander Lottis ist seit Januar Sprecher der Geschäftsführung der Diakonie-Kliniken Nordhessen.

Was wird uns die Corona-Krise kosten? Über dieses Thema und wie die Situation in den DRK-Kliniken aussieht, haben wir mit Geschäftsführer Alexander Lottis gesprochen.

Kassel. Die Corona-Pandemie ist nicht nur für die beschäftigten der Krankenhäuser eine große Belastung. Auch für die Häuser selbst erweisen sich die geforderten Maßnahmen zunehmend als finanzieller Kraftakt, wie das Gespräch mit Alexander Lottis, Geschäftsführer der DRK-Kliniken Nordhessen zeigt.

Herr Lottis, wie ist die Corona-Situation zur Zeit in den DRK-Kliniken in Kassel und Kaufungen? 

Wir haben zur Zeit vier Covid-19-Patienten in unserem Haus, die intensivmedizinisch behandelt werden. Davon sind zwei Patienten am vergangenen Donnerstag im Rahmen einer zwischen den Verteidigungsministerien von Frankreich und Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz von Colmar in Frankreich zu uns gebracht worden. Die Gesundheitszustände, so wird es mir von meinen behandelnden Ärzten geschildert, sind kritisch aber stabil. Grund war, dass die dortigen Krankenhäuser die Menge an erkrankten Covid-19-Patienten nicht mehr bewältigen können, man spricht dort von kriegsähnlichen Zuständen. Dass wir in einer solchen Situation die Verpflichtung haben, unseren französischen Freunden zu helfen, versteht sich von selbst.

Auch die eigentlich stillgelegte und zum Verkauf stehende Klinik in Bettenhausen wurde aktiviert? 

Ja, wir haben die Notreserve des Roten Kreuzes aktiviert, die uns innerhalb von 72 Stunden 50 Pflegebetten in Bettenhausen zur Verfügung gestellt haben. Wir sind also auch dort vorbereitet und in der Lage, weitere Patienten zu betreuen, sofern sich die Lage weiter verschärfen würde. Zu überlegen wäre aber, sollte die Menge an zusätzlichen Patienten ausbleiben, das Haus bei steigenden Fällen von häuslicher Gewalt für betroffene Frauen mit ihren Kindern zu öffnen. Die Stadt müsste auf uns zukommen, wir wären dazu bereit.

Um Kapazitäten zu schaffen, wurden planbare Operationen verschoben. Werden Sie diese nach einer Beruhigung der Situation nachholen können? 

Unser Haus hat innerhalb von 48 Stunden auf den entsprechenden Ministererlass reagiert und die Intensivkapazitäten verdoppelt, entlassfähige Patienten entlassen und elektive Operationen abgesagt. Das ist uns nicht leicht gefallen, wir glauben aber, dass dieses Vorgehen alternativlos war. Allerdings zeigt es auch, wie leistungsfähig unser Haus ist. Wenn unser Krankenhaus also wieder in den Regelbetrieb wechselt, werden unsere Ärzte die abgesagten Operationen selbstverständlich nachholen.

In einem offenen Brief hat die Geschäftsführung der Rotes Kreuz Kliniken mangelnde Unterstützung durch die Politik angemahnt. Warum genau? 

Das war eine Reaktion auf den ersten Referentenentwurf aus dem Gesundheitsministerium, der Erstattungen für die Krankenhäuser in Deutschland vorsah, die nicht einmal ansatzweise die nun entstehenden Umsatzrückgänge bei steigenden Kosten aufgefangen hätten. Dass das bei meinen Geschäftsführerkollegen, mir und der Belegschaft zu harschen Reaktion geführt hat, musste jedem klar sein. Zumal, wenn man weiß, dass Gesundheitsminister Spahn in einer frühen Telefonkonferenz verlauten ließ „whatever it takes“, der Bund und die Länder stünden bereit, die Kosten für das Freihalten von Kapazitäten und die Betreuung von Covid-19-Patienten zu zahlen. Und dann bekommt man aus dem Gesundheitsministerium Vorschläge und sieht, dass man jedes Intensivbett, dass man ja zusätzlich anschaffen sollte, mit nur 35.000 Euro finanziert bekommt, obwohl es uns rund 85.000 Euro kostet. Zum Glück war der, und ich wähle das Wort bewusst: „Aufschrei“ bei den betroffenen Krankenhäusern derart groß, dass die Referenten im Gesundheitsministerium nachsitzen und den Gesetzentwurf nachbessern musste. Nun bekommen wir beispielsweise ein Intensivbett mit 50.000 Euro bezuschusst. Die Lücke ist aber immer noch zu groß.

Können Sie uns Beispiele für Kosten benennen, die spezifisch wegen Corona jetzt von den Krankenhäusern getragen werden müssen? 

Wir haben wegen Covid-19 einen zweistelligen Umsatzeinbruch, bei weiter steigenden Kosten für Personal, das wir vorhalten. Und dann permanent steigenden Kosten für Material, nehmen Sie nur mal alleine die für Schutzausrüstung, Masken und Covid-19-Testungen. Da sind die Erstattungen des Landes und des Bundes nur ein kleiner Tropfen auf den viel zu heißen Stein.

Wie groß ist der Zusammenhalt der Kliniken in diesen Zeiten – oder freut sich der ein oder andere Klinikmanager insgeheim, dass die aktuelle Situation mittelfristig den „Markt bereinigt“? 

Ich weiß nicht, wie andere Klinikmanager das sehen und handhaben. Für mich aber steht fest, und ein Blick auf die Nachbarländer zeigt das doch sehr eindrucksvoll, dass die Bundesrepublik Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt hat. Hierfür werden wir zu Recht gelobt. Wenn man nun vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie darüber nachdenkt, den Krankenhausmarkt zu bereinigen, sollte man ein solches Szenario auch zu Ende denken und sich fragen, wo wir wohl heute stünden, wenn wir weniger Krankenhäuser hätten. Hätten wir dann Zustände wie in Italien, wie nah wären wir den Zuständen in Frankreich oder Spanien? Wer würde das ernsthaft wollen. Die Krankenhäuser in Deutschland, Italien, Frankreich, in den Staaten, schauen sie nur mal nach New York, sie alle bilden gerade die Speerspitze im Kampf gegen den Virus. In Deutschland kommen auf 1000 Einwohner 8 Krankenhausbetten, in State New York nur zwei, das US-amerikanische Gesundheitssystem ist ausschließlich auf Rendite getrimmt. Vorhaltungen sind nicht vorgesehen. Deshalb gehen die Krankenhäuser dort gerade unter. Kein vernünftiger Mensch kann meiner Meinung nach daher die Meinung vertreten, wir hätten in Deutschland zu viele Krankenhäuser.

Ohne die DRK-Kliniken wird es also auch in Zukunft nicht in Nordhessen gehen? 

Die Frage stellt sich doch gar nicht. Man muss doch nur mal sehen, was wir täglich an unseren beiden Standorten in Wehlheiden mit 13 Fachabteilungen oder in Kaufungen, wo wir eine der größten Geriatrieen haben, für die Gesundheitsversorgung der Menschen in der Stadt Kassel und des Landkreises tun. Wir verfügen über rund 500 Betten und beschäftigen 1067 Personen . Damit sind wir der zweitgrößte Gesundheitsversorger in der Region und einer der zehn größten Arbeitgeber von Kassel. Gerade jetzt in dieser Krise zeigt sich doch, wie leistungsstark und systemrelevant die DRK Kliniken für unsere Stadt und Region sind.

Sie sind als „Sanierungs-Manager“ zu den Kliniken gestoßen – wie stellt sich aktuell die Situation dar und welche Auswirkungen hat Corona auf ihre weiteren Maßnahmen in den nächsten Wochen und Monaten?

Die Auswirkungen von Corona betreffen das gesamte Gesundheitssystem, also auch uns. Die Tragweite ermessen wir als Menschen und als Geschäftsführer eines Krankenhauses Tag für Tag aufs Neue. Das, was gestern noch galt, hat heute keinen Wert mehr und das, was morgen eintreten wird, kann übermorgen schon wieder überholt sein. Wir planen also von Tag zu Tag, und reagieren agil, schnell und klug auf die sich dauernd veränderten Umstände im Kampf gegen die Pandemie. Das gelingt uns täglich besser, alle ziehen mit, die Krankheitsstände beim Personal sind bemerkenswert niedrig, die Motivation, den Kampf zu gewinnen, riesig. Die Rote Kreuz Familie steht zusammen. Für mich, der mit dem Roten Kreuz bislang noch nicht befasst war, eine neue, prägende, eine einfach großartige Erfahrung.

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