Depression: Für offene Kommunikation über heimtückische Krankheit

Für Deutschland schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO die Zahl der Menschen mit Depressionen auf 4,1 Millionen. Ärzte und Betroffene plädieren für offene Kommunikation über die Krankheit.

Kassel. Die Depression ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen. In Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen an Depressionen. Das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Dennoch haben viele Betroffene Angst, Anderen von ihrem Leid zu erzählen und geraten so oft nur noch tiefer in den Sog von Traurigkeit, Antriebslosigkeit und negativen Gedankenschleifen.

Nicht alle von ihnen entwickeln Selbstmord-Gedanken, diese bedürfen aber besonderer Beachtung. Wenn sich augenscheinlich gesunde Menschen plötzlich das Leben nehmen, geht eine Welle der Erschütterung durch den Familien- und Freundeskreis. Aktuelle Fälle von jungen Sportlern oder Musikern sorgen für Fassungslosigkeit in der Gesellschaft und lenken die allgemeine Aufmerksamkeit gleichzeitig auf die Krankheit, die in zu vielen Fällen unbehandelt bleibt: Depression.

Dabei fange eine Depression meist nicht mit tiefer Traurigkeit und starrer Miene an. Erste Anzeichen seien vielmehr Interessen- und Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit, leichte Erschöpfbarkeit sowie Schlafstörungen und Gedankenrasen. Auch ein Mangel an Appetit, Unruhe, Reizbarkeit oder erhöhter Suchtmittelkonsum (z.B. Alkohol) könnten bereits auf eine Depression hindeuten, erklärt Patrizia Sauerwein, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Kassel.

„Eindeutigere Symptome, wie emotionale Leere, tiefe Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit kommen oft erst in einem fortgeschrittenen Stadium der Depression zum Vorschein“, sagt sie. Verändert sich ein Familienmitglied, ein Freund oder Bekannter und zeigt diese Anzeichen, wirkt erschöpft, antriebslos und zieht sich immer weiter zurück, seien die Angehörigen gefragt. Sie sind in vielen Fällen diejenigen, die die Betroffenen zunächst auf ihre Veränderung aufmerksam machen („Du kommt mir in letzter Zeit so niedergeschlagen vor, so kenne ich dich gar nicht...“) und sie beim Schritt in eine Therapie unterstützen. „Das ist wichtig, denn den Betroffenen selbst fehlt dazu oft der Antrieb“, erklärt Oberärztin Sauerwein.

Um depressiven Verstimmungen vorzubeugen und zu lindern, hilft es, aktiv zu sein, sich an der frischen Luft zu bewegen, soziale Kontakte zu pflegen und für ausreichend Schlaf zu sorgen. Im Fall von Verstimmungen durch die aktuelle Lebenssituation oder Trauer, könne es laut Sauerwein zunächst helfen, sich mit Vertrauten oder in Selbsthilfegruppen auszutauschen und sich so mit inneren Konflikten auseinanderzusetzen. „Bis zu einem gewissen Maß sind vorübergehende depressive Phasen im Leben normal, jeder hat schließlich mal einen schlechten Tag. Treten sie aber wiederholt und über längeren Zeitraum auf, sollte darüber offen gesprochen und professionelle Hilfe gesucht werden“, so die Ärztin.

Extra Info: Regionale Anlaufstellen

Psychologische Beratungsstelle des Diakonischen Werks Region Kassel Wildemanngasse 14 34117 Kassel Tel.: 0561 70 974-250

pro familia Beratungsstelle Kassel Breitscheidstraße 7 34119 kassel Tel.: 0561 76619250

KISS Kontakt- und Infostelle für Selbsthilfegruppen Wilhelmshöher Allee 32a 34117 Kassel Tel.: 0561 92005-5399

Psychosoziales Zentrum Melsungen Rotenburger Straße 14 34212 Melsungen Tel.: 05661 92869 13

MUT-Tour machte Halt auf dem Königsplatz

„Wir sind wie ein Wolfsrudel – das funktioniert nur wenn Alle mitziehen“, sagt Rudolf Wein, einer der sechs Tandem-Radler, die am vergangenen Donnerstag in Kassel angekommen sind. Nach einer Nacht in Kassel radelten sie am Freitag zum Königsplatz, um sich dort für einen normalen Umgang mit dem Thema Depression einzusetzen (siehe Extra Info). Gestartet in Bremen und mit Fulda als Ziel, machen sie an jedem Ort Halt, an dem sie mit der Öffentlichkeit in Kontakt kommen können. Sowohl Rudolf Wein, als auch sein Tandempartner Jürgen Kail leiden unter Depressionen.

Eingespieltes Tandem-Team: Rudolf Wein (li.) und Jürgen Kail nahmen an der MUT-Tour teil und sprachen offen über ihre Depressionserfahrung.

„Das ist eine ganz heimtückische Krankheit. Mich begleitet sie schon seit Jahrzehnten und es hat viel zu lange gedauert, bis sie erkannt wurde“, erzählt Rudolf Wein. Bei ihm hat die Erkrankung bereits auf die Sprache geschlagen, er hat große Anstrengungen beim Reden. Seinen Mitradler Jürgen Kail hatte Wein zuvor schon einmal bei Veranstaltungen der MUT-Tour gesehen, richtig kennengelernt haben sie sich aber erst auf dem Tandem. „Wir sind jetzt schon seit einigen Tagen zusammen unterwegs und verbringen 24 Stunden am Tag miteinander. Das ist natürlich nicht immer leicht, weil es keine Rückzugsmöglichkeiten gibt. Aber bis jetzt schaffen wir es ganz gut“, erzählt Kail, der die innere Leere, die die Depression bei ihm auslöst, seit Jahren mit Verhaltenstherapie und Sport zu bekämpfen versucht.

Das unterwegs sein mit der Gruppe mache dazu den Kopf frei, Kail ist bereits seit 2012 dabei. Rudolf Wein fährt dagegen zum ersten Mal mit. „Das ist schon eine Art Beschäftigungstherapie“, berichtet er. Dennoch könne man die Depression auch während der Tour nicht einfach abschalten. Es gibt immer wieder Radler, Kajakfahrer und Wanderer, die die Tour abbrechen – aus Erschöpfung und weil sie der Mut, den die Tour erfordert, verlässt. „Jeden Tag machen wir eine Befindlichkeitsrunde, in der wir darüber reden, wie es uns geht und welche Probleme es gibt. Wie im normalen Leben ist auch auf der Tour Kommunikation sehr wichtig, um Konflikte zu lösen“, erklärt Wein.

Über Depression dürfe nicht geschwiegen werden. Es sei wichtig, Signale zu erkennen, sie zuzulassen und zu verstehen, „denn diese Krankheit kann sich gut verstecken und das macht sie sehr gefährlich“, so Kail. Beide wollen die Tandem-Tour durchziehen. Bei einem Nachtreffen im Oktober werden sie sich wahrscheinlich wiedersehen. „Das ist nicht mehr lang, aber man gewöhnt sich doch schnell aneinander“, stellen sie fest. Selbst die heimtückischste Krankheit kann ein Wolfsrudel schließlich nicht trennen – ganz im Gegenteil.

Extra Info: MUT-Tour

Die MUT-Tour ist ein Aktionsprogramm, das sich seit 2012 durch Deutschland bewegt und einen Beitrag zur Entstigmatisierung der Depression als Erkrankung leistet. Die Teilnehmer erleben, wie Sport ohne Leistungsdruck in Kombination mit Struktur, Natur und Gemeinschaft die Stimmung heben kann. Bislang haben 126 depressionserfahrene und -unerfahrene Menschen über 22.000 Kilometer zurückgelegt. Bei der MUT-Tour in diesem Jahr sind es insgesamt 45 Teilnehmer und 3.200 Kilometer. Vom 10. Juli bis 25. August sind die Teams auf Tandems, in Zweier-Kajaks und zu Fuß beim Wandern unterwegs. Die mutigen Teilnehmer möchten damit anderen Menschen Mut machen. Die Perspektive ist es, einmal in einer Gesellschaft zu leben, in der sowohl betroffene als auch nicht-betroffene Personen angst- und schamfrei mit psychischen Erkrankungen umgehen können.

Rubriklistenbild: © dpa

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