documenta14-Finale mit Finanz-Zoff: Kuratoren weisen Kritik zurück

Künstlerischer Leiter und das kuratorische Team der documenta 14 äußern sich: Budget-Zustimmung war sehr viel mehr an Bedingungen geknüpft, als man uns glauben ließ

Kassel. „Klar ist aber, dass die documenta nicht geschädigt werden darf“, hatte Aufsichtsrat-Mitglied Boris Rhein, Hessens Kunstminister, im Laufe der Woche nach Bekanntwerden des Finanzdesasters gesagt. Einen Image-Schaden hat sie schon jetzt davongetragen. So, dass Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle am Sonntag auf das symbolische Abschließen des Friedericianums zum documenta-Ende verzichten wird und lieber Eintrittskarten für die kommende Weltkunstausstellung an Besucher verteilen wird.

Seine deutlichen Worte hatten am Donnerstag Mittag jene auf den Plan gerufen, die bislang zur finanziellen Situation geschwiegen hatten: Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta 14, und das Kuratoren-Team gaben ein scharfes Statement ab. Dort wehren sie sich heftig dagegen, dass „der Künstlerische Leiter der documenta 14, Adam Szymczyk, und die Geschäftsführerin der documenta gGmbH, Annette Kulenkampff, verantwortlich für das gemacht werden, was die Autoren als den unmittelbar bevorstehenden Bankrott der documenta bezeichnen.“ Die Dimensionen sowie der geplante Inhalt des documenta 14 Projekts seien von Adam Szymczyk Ende des Jahres 2013 vorgeschlagen worden. Sein Konzept zweier Veranstaltungsorte – Athen und Kassel – sei damals sämtlichen verantwortlichen Parteien gegenüber deutlich kommuniziert worden, also sämtlichen Gesellschaftern, dem Aufsichtsrat der documenta gGmbH.

(...) Die Gesellschafter der documenta 14 hießen diese Nominierung willkommen, autorisierten sie und legten sich damit auf die Realisierung des genannten Konzepts fest. (...) Angesichts der Ereignisse der letzten Tage müssen wir zu dem Schluss kommen, dass diese Zustimmung sehr viel mehr an Bedingungen geknüpft und begrenzt war, als man uns glauben ließ. Es ist eine Tatsache, dass sich das Budget und die Strukturmittel seit 2012 nicht wesentlich verändert haben, trotz der Tatsache, dass dieses neue Projekt notwendigerweise größere und offensichtliche Folgen für die finanzielle Seite haben würde. Bis auf eine Anpassung die im Sommer 2016 (deren Kosten zwischen den Gesellschaftern und den Ticketverkäufen der documenta 14 aufgeteilt werden sollten) diskutiert und im Winter umgesetzt wurde, sind keine zusätzlichen Mittel für notwendig befunden worden für die Realisierung der Ausstellung in zwei Städten und über eine Dauer von insgesamt 163 Ausstellungstagen – eine ganze Stadt und 63 Tage mehr als jede bisherige documenta. (...)Im Geiste einer gemeinsamen Auseinandersetzung glauben wir, dass es an der Zeit ist, das System der Wertschöpfung solcher Megaausstellungen wie der documenta auf den Prüfstand zu stellen. Wir möchten das ausbeuterische Modell, unter dem die rechtlichen Gesellschafter der documenta „die wichtigste Ausstellung der Welt“ produzieren möchten, anprangern. Die Erwartungen von stets wachsendem Erfolg und ökonomischem Wachstum führen nicht nur unmittelbar zu ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, sondern gefährden die Möglichkeit, dass die Ausstellung ein Ort kritischer Aktion und künstlerisches Experimentierfeld bleibt. Wie lässt sich die Wertschöpfung der documenta messen? Das Geld, das während Dauer und Vorbereitung der documenta in die Stadt fließt, übersteigt die Summe, die Stadt und Region in die Ausstellung investieren, und zwar um ein Vielfaches. (...) Die Politik hat diesen Medienrummel verursacht, indem sie das Bild des unmittelbar bevorstehenden Bankrotts der documenta in Umlauf gebracht hat und sich selbst als „Retter“ in einer Krise präsentiert, deren Entwicklung sie selbst zugelassen hat. (...) Wir beziehen Position als Kulturarbeiter_innen, die die Umsetzung dieses (gewiss kontroversen) Vorhabens der documenta 14 durchgeführt haben. Wir stehen hinter der Arbeit von Annette Kulenkampff und der Verwaltung der documenta gGmbH. In weiteren Anmerkungen setzten sich die Unterzeichner mit dem Umgang des Aufsichtsrats mit dem künstlerischen Leiter sowie den Besucherzahlen auseinander: (...) Als Künstlerischer Leiter der documenta 14 war Adam Szymczyk als Gast bei sämtlichen Aufsichtsratsversammlungen seit 2014 anwesend. Dennoch wurde er ausdrücklich nicht zu dieser außerordentlichen Versammlung des Aufsichtsrats am 30. August 2017 zugelassen. Ebenso wurde er nicht eingeladen, sich mit dem Oberbürgermeister von Kassel zu treffen und auszutauschen, der dem Aufsichtsrat seit seiner Wahl am 22. Juli 2017 vorsteht. (...) Mehr als 330.000 Besuche zählten die Veranstaltungsorte in Athen. Weil jedoch die Besuche sich nicht in Ticketverkäufe übersetzen lassen, existieren sie für die rechtlichen Gesellschafter der documenta nicht. In Kassel hat die documenta 14 bereits etwa 850.000 Besucher_innen angezogen. Die Ausstellungsorte haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Forderungen nach weiterem Wachstum entstammen einem Traumbild von der documenta als weiterem Zahnrad der Industrie des Kulturtourismus – ein generisches und doch profitables Spektakel. Indem Politiker_innen im Verbund mit den Medien, der documenta die Forderung weiteren Wachstums auferlegen, so stellen sie die Institution als öffentliche und kritische Sphäre infrage. (...)

Rubriklistenbild: © Soremski

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